Wanderer: Dessau – Magdeburg

6:51 Uhr: Abfahrt Berlin Hauptbahnhof.
Nach einem harten Jahr, ein harter Monat und zum Schluss noch eine harte Woche. Was will der Mensch um die ganze Spannweite menschlichen Seins zu erleben. Denn jetzt beginnt das Sabbatjahr. Das dritte um genau zu sein. Indien, USA, Afrika, eine Reise mit dem Wohnmobil von Sizilien bis zum Nordkapp. Ein Monat spanisch Lernen in Spanien. Die Shule* am Kilimandscharo voran bringen. Die Wohnung umbauen. Und vier Monate Zeit um in den Tag zu leben, rumlungern, die Seele baumeln lassen.
Ein schönes Jahr liegt vor mir. Beginnen wir es mit einer Drei-Tage-Wanderung elbabwärts von Coswig bis Magdeburg. Mit kleinen Wanderungen zwischendurch fit und entspannt bleiben und nebenbei Hamburg an den KiliTrail anzuschließen. Die große Wanderung soll mich von Ankara nach Issos führen, nicht weit von der syrischen Grenze. Im Herbst vielleicht die halbe Strecke und dann mal sehen. Jetzt scheint es mir in Zentralanatolien zu heiß. Dann ist erstmal Schluss und die Fortsetzung erfolgt von Süden, vom Kilimandscharo aus.

Montag, 20. Juni 2015: Von Dessau nach Steckby
Es gelingt mir nicht. Die Bauhausstadt lädt geradezu ein, sie zu erkunden. Allein, ich muss los. Wandern lässt sich mit Flanieren nicht in Einklang bringen. Nicht bei mir. Oder noch nicht. Der Elberadweg führt durch Wald entlang einer Landstraße. Am Rande Dessau komme ich an einem kleinen Weinberghügel vorbei, der von einem Tempel gekrönt wird. Vier sehr körperliche als Pärchen angeordnete Statuen, könnten Krieg und Liebe symbolisieren. Biege, ganz in Gedanken, falsch ab und muss wieder umkehren. Das habe dann schon mal hinter mir. An einer Fähre setze ich mich zu einem älteren braungebrannten Mann. Wir kommen ins Gespräch. Rentner, mit weniger Rente als er gerne hätte. Vor der Abwicklung Ingenieure für Gasanalyse und Naturschützer. Jetzt mit Fahrrad und Feldstecher ein paar Kilometer flussauf, flussab unterwegs, die Vogel Welt beobachten. Die Verbitterung über den Untergang der DDR ist einer leichten Melancholie gewichen, die sich mit der Sehnsucht an dem verschwundenen Kollektiv mischt. Joggend mache ich mich auf, die Fähre zu erwischen. Ein Erschließungsweg durch den Auenwald bringt mich zum Gasthaus und Pension “Zum Biber”. Werfe meine müden Glieder aufs Bett. Mit einer kurzen Unterbrechung, die ich zum Lesen und Fernsehen nutze, schlafe ich wie ein Bieber (das Murmelte der Elbe, sozusagen).

Dienstag 21. Juli 2015: von Steckby nach Barby

Ein schöner Tag beginnt. Die Wirtin ist gut gelaunt und gesprächig. Die ersten Radwanderer sind grüßen fröhlich und entspannt. Noch. Meine Atmung synchronisiert sich mit den Schritten und finden ihr Gleichgewicht. Es fühlt sich wie ein Gleiten durch die Natur an. Schönheit, Ästhetik. Auch Industrielandschaften, Atompilze und Müllhalden können schön sein. Hässlich erscheinen sie nur im Kontext unseres Wissen von ihrer kulturellen Hässlichkeit. Stellen wir sie oder Abbildungen von ihnen in den Kontext einer ästhetischen Ausstellung, verlieren sie ihren Makel und erscheinen uns als dem alltäglichen enthobene Kunst. Ein Urwald in unseren Breitengraden erscheint dem Leitzordner unaufgeräumt und kaum auszuhalten hässlich. Mir erscheinen die Auenwälder mit den Windgeräuschen und Vogelgezwitscher schön. Anderen fehlt der Lärm der Kettensägen, oder – der rauchende Industrieschlot. Nehmen wir also Müll, verfremden und komponieren ihn, setzen ihn in den Kontext Weihnachten und feiern zusammen ein schönes Fest. Der Auen- wechselt in einen Kiefernwald, in dem es sich angenehm schattig und kühl gehen lässt. Einen Wolkenbruch überstehe ich mittagsschlafend in der Sitzhütte des Naturzentrum …by. Leichte Kopfschmerzen stellen sich ein. Wähle das Gasthaus “Grüner Anker” als Nachtplatz. Der Wirt ist Bulgare. Der Türke nebenan hat dicht gemacht und sucht für sein “Istanbul Grillhaus und Pizzeria” seit einiger Zeit einen Nachmieter. Überlebt der Grüne Anker aus alter Völkerfreundschaft? Zum Willkommen am Abendtisch reicht die Bedienung eine grünliche Flüssigkeit, von der sie nicht verraten darf, was drinnen ist. Schmeckt nach Anis und Alkohol. Die Bulgaren saufen auch gerne. Barby, Residenzstädtchen derer von und zu … Großes Schloss, große Kirche, kleines Rathaus. Ich liebe diese überschaubare Größe, bei der man noch das Bemühen um Schönheit erkennen kann.

Rekonstruiertes Steinzeitdorf am Wegesrand

Mittwoch 22. Juli 2015: von Barby nach Magdeburg
Das Frühstück ist reichhaltig. Gesättigt und gestriegelt verlasse ich Barby. Eine wenig befahrene Landstraße bringt mich nach Pömelte, ein kleines Dorf auf dem Weg nach Schönebeck. Neben einer schön restaurierten Kirche, unzweifelhaft der architektonische Mittelpunkt, liegt der Kindergarten, von dem ausgelassene Kinderstimmen die Luft mit Lebensfreude erfüllt. Heile Dorfwelt? Ja, im Großen und Ganzen schon. Eine kurze Zeitspanne, dann weint ein Mädchen und für diese ist sie nicht mehr heil. Kurz darauf wird freudig weiter gespielt. Die hoch flexiblen Schuhe, die ich am Fuß habe, sind ausgesprochen angenehm zum wandern. Allerdings führen sie auch zu Schmerzen, nicht durch Balsenbildung, sondern durch die neue Freiheit meiner Mittelfußknochen. Sie und die angechlossenen Muskeln müssen sich erst daran gewöhnen. Ein guter Kompromiss zwischen barem und gefangenem Fuß. Dergestalt leichtfüßig unterwegs, beginnt sich der Kopf um die größeren Probleme der Welt zu kümmern. Zumindest zu Griechenlandkriese hätte ich da eine Lösung.

Schluss mit raus – rein. Europa ist Europa. Es fällt uns schwer, einheitlich zu sein. Müssen wir auch nicht. Wer würde sich gerne von Schäuble im Kafenion bedienen lassen und von Varufakis einen Gebrauchtwagen kaufen. Der eine eher verkniffen preußisch, der andere eher halodriehaft.
Aber einen gemeinsamen Grund in den Finanzen brauchen wir. Deutsche sind keine Griechen und Griechen keine Deutschen. Wir können aber etwas griechischer werden. Sagen wir an 3 Tagen in der Woche. Und die Griechen etwas deutscher. Sagen wir auch an drei Tagen. Das wären dann die Europatage. Den Rest der Woche und nach Feierabend sind wir Griechen oder Deutsche und immer auch Europäer. Falls das noch nicht ganz reicht, arbeiten ein paar Deutsche in Griechenland und ein paar Griechen in Deutschland. Dann klappt’s. Versprochen. Zu phantastisch? Keinesfalls, die Bewegung geht in diese Richtung. Deutsche Effizienz in der Arbeitszeit, griechische Lässigkeit in der Freizeit. Vermischt sich  beides, ist niemandem gedient. Man muss länger arbeiten für das gleiche Sozialprodukt und hat weniger Freizeit. Das kann´s ja nicht sein. Schaue ich meine Schüler und Schülerinnen an, üben sie die Lässigkeit ausgesprochen fleißig. In Erstaunen versetzt mich immer wieder ihre Ernsthaftigkeit im Betriebspraktikum. Kein zu spät kommen, keine überflüssigen Diskussionen, höchstens Nachfragen, wenn etwas nicht verstanden. Er kennt den Unterschied, unserer aller Nachwuchs, und ist auf dem Weg in seine Zukunft. Mögen wir uns die Köpfe heiß diskutieren, sie leben das neue Europa. Ein Gläschen Schampus auf unsere Jugend. Mit diesem Gedanken erreiche ich den Magdeburger Hauptbahnhof am Willy-Brandt-Platz und steige in den IC nach Berlin.

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Ustí nad Labem – Praha

So schön kann eine Wanderung beginnen

 

Berlin – Ustí nad Labem

Den WochenRucksack gepackt. In ihn passt genügend, um im Sommer eine Woche unterwegs zu sein. Alles was man so braucht. Eine leichte zweite Klamottengarnitur zu Jeans und T-Shirt mit denen am Leib ich aufbrach, eine dünne Isomatte für den gelegentlichen Mittagsschlaf, Flip-Flops für die Dusche, Cremchen und Döschen für Schönheit und Gesundheit. Und die erforderliche Elektronik. Beim lokalen Händler Mezomix Zero gekauft für den Durst unterwegs, mit dem Bus M 85 zum Hauptbahnhof, die Bahnfahrkarte gelöst. Frühstück im Bahnhof, Genuss pur mit Latte Macchiato, Seranobaguette und Zuckerschnecke. Dazu trieb mich die Vorfreude reichlich frühzeitig ans Gleis. Dann saß ich im EuroCity nach Villach und reiste mit angemessener Geschwindigkeit nach Ustí nad Labem (Elbe). Ein Schlumberger Sparkling Sekt versetzte mich in meditative Stimmung und ich begann in Patrick Leigh Fermors Reisebuch zu lesen. Willi Stotzka, ein Kollege, hatte es mir geliehen und sehr empfohlen. Aber vor lauter Schreib- und Denklust kam ich kaum zum Lesen. Ständig tippte ich neue Gedanken ins Handy, das inzwischen mein Notizbuch ersetzt hat.

Durchs Elbsandsteingebirge wurde der angenehm leere Restaurantwagen zum Panoramawaggon, wie mann sie von der Schweizer Gletscherbahn kennt. Vor allem die Felsenburg bei Rathen gelangte auf unzählige Speicherchips, von denen sie, sind die Reisenden erst wieder zuhause, ausgelesen und als Großbild bewundert werden sollen. Die wabernden Nebelschleier ließen die Felshänge und seltsam geformten Formationen aus blassem Sandstein leicht als mythischen Ort erscheinen. Etwas später setzte leichter Nieselregen ein, der dem Rest des Tages immer mal wieder die Ehre gab. Auch in Bad Schandau kam ich zum Schmökern, wo ich – sparsamkeitsgezwungenermaßen – eine Stunde Aufenthalt einlegen musste, weil die Nachlösekarte allein bis zu Grenze beinahe soviel kosten sollte, wie die ganze Reise von Berlin. Am Fahrkartenautomaten kam ich dann wesentlich günstiger davon. Es kostete allerdings eine Stunde meiner Lebenszeit. Für einen Schwaben eher verkraftbar, spart er doch lieber am Geld als am Leben. Der Regionalzug kam nicht, also stieg ich etwas später in den EC nach Budapest-Kelti, der mich schon früher zu meinen Aufbruchspunkten brachte. Ein beinahe heimeliges Gefühl beschlich mich. Die jungen Reisenden, die den Zug zu hunderten bevölkerten, hatten es sich auf den Sitzplätzen, den Gängen und den Übergängen gemütlich gemacht, wie man es sich in diesem Alter heutzutage wohl in einer Studentenbude gemütlich macht. Badelatschen, nackter Oberkörper – nur die Jungs – lautstarker Handyverkehr – auch mit offenbar weit entfernten Partnern – essen, trinken, lesen, schlafen und ausdünsten. Sehr ansprechend der Nachwuchs, so international und friedlich und doch verließ ich den Zug aufatmend in Ustí nad Labem. Die jungen Reisenden ertrugen stoisch ihre Existenz.

Beginn der Wanderung: Vor dem Bahnhof von Usti

Ustí nad Labem – Litomerice


In Usti hatte ich vor Jahren den Wanderweg von Berlin an die Donau, in dem immer noch riesige Lücken klaffen, unterbrochen. Kyra, meine älteste Patentochter hatte von Dresden aus begleitet, unterbrochen. Inzwischen ist er von Berlin über Wittenberg bis hier abgeschlossen (später soll noch ein direkterer Weg von Berlin nach Dresden in mein WanderWegNetz hinzu kommen). Später, irgendwann. Jetzt war ich am Bahnhof und immer noch wurde gebaut. In ganz Tschechien wird an allen Ecken und Enden aufgebaut. Sowohl privat als auch öffentlich. Daneben verwittert und zerbröselt Altes. Immer noch und auch noch eine ganze Weile. Und das nicht nur materiell, sondern auch emotional und intelektuell. Nur ist dies nicht auf den ersten Blick offensichtlich. Mir fehlt die Sprache, um zu fragen, aber vereinzelte Artikel in deutschen Medien lassen es erahnen. Der Radweg entlang der Elbe brachte mich voran. Bisweilen verläuft er nahezu auf Augenhöhe mit dem Wasserspiegel, dann wieder schwingt er sich den unter den Bahngleisen durch, einige Meter die Talwand hoch. Bei einer solchen Gelegenheit, nicht all zu weit von Ustí entfernt, kehrte ich von Hunger und Durst gequält ein. Trotz warten und beobachten, um herauszufinden, wie man etwas bestellen konnte, kam ich zu nichts. Ein, zwei Kilometer weiter lockte ein leckeres Steak auf einer Hinweistafel in ein Camplokal am Wegesrand.  Fünfhundert Meter weiter an einem Imbissstand blickte ich verzweifelt auf ein Stück Fleisch, eine kalte Folienkartoffel und, wesentlich erfreuter, auf einen Krug Bier. Die Bedienung war freundlich, das Bier schmeckte gut und ließ mich entspannt auf die nächsten zwei, drei Wegstunden blicken.

Das Bier erhellt die nächsten zwei, drei Wegstunden

Ich nutzte diese Zeit, um Gedanken über Europa nachzuhängen.
Die Europäer werden nicht zusammenfinden, weil sie sich so lieb haben, sondern weil ihre Umwelt sie dazu nötigen wird.
Die Völker sind sehr schwankend. Erhofft man sich von der EU etwas – Geld, Sicherheit,  Unterstützung – will man dabei sein, soll es etwas kosten, eher nicht. So ist es, solange man nicht existentiell bedroht scheint. Wie jetzt der Einfall der Russen auf der Krim und deren Annektion durch deren Parlament. In Russland heißt es jetzt ”go West” im Sinne von “von den Amis lernen heißt siegen lernen”. Russland nach der Oktoberrevolution als Sowjetunion gestartet um dem Kapitalismus eine humanere Gesellschaft entgegen zu stellen, verkommen zu einer imperialen und defizitären Diktatur, die letztendlich dem Westen unterlag. Mit dem Ende des Kommunismus zerbröckelte auch das Imperium und Russland suchte Anschluss an den Westen. Aber Putins Angebot einer europäischen Gemeinschaft von Lissabon bis Wladiwostok wurde von der EU schlicht ignoriert. Stattdessen liebäugelte man mit dem Aufbau eines Raketenschirms durch die Amis. Die Reaktion in Russland ist homophober Nationalismus mit einer hässlichen Fratze, der zynisch alles machtpolitisch schlechte der USA kopiert. Aber ohne demokratische Kontrolle und einer aufgeklärten Gesellschaft, die illiberale Auswüchse korrigieren könnte.
 

Oben angekommen, sieht die Abkürzung viel freundlicher aus.

An einer Stelle, an der die Elbe einen allzu großen Umweg macht, verlies ich sie um eine kleine Abkürzung zu nehmen. Was wie ein leichter Buckel aussah entpuppte sich als veritable Anstrengung. Manchmal sind sie zwar streckenmäßig kürzer, diese Abkürzungen, aber zeitlich länger und anstrengender. Mein innerer Sportlehrer meinte, immerhin hätte ich so etwas für meine allgemeine Kondition getan, was man ja vom Wandern alleine nicht sagen könne, bei meinem Tempo.

Jetzt sitze ich in der “Minipivovar Labut” (Minibrauerei Schwan) und habe ein semidark beer geordert. Was genau ich zu essen bestellt habe, wird sich offenbaren. Es wird etwas Kaltes sein, sagt die Bedienung. Auf dem Teller liegt dann etwas weißes rundes, mit einem Camembert vergleichbar, mit Paprikapulver und Zwiebeln belegt und in Öl badend und fettcremig im Biss, geschmacklich nicht zuordenbar, vielleicht eine Art Käse. Kulinarisch habe ich heute kein Glück. Das Bier aber schmeckt vorzüglich. Zuvor habe ich das Zentrum von Litowerice mehrmals umrundet, die Pensionen wären nur per Handyanruf zu öffnen gewesen, meines versagte aber Anschluss suchend kläglich. Das Hotel am Markt hatte kein Einzelzimmer. Es ist das Apollon geworden, ein praktisches Zimmer zum Übernachten, ohne jeglichen Flair. Auf dem Weg aus der Stadt kam ich einem netter aussehenden Plätzchen vorüber.

Litomerice – Roudnice nad Labem

Entlang der Elbe und an den niedrigen Talhängen stehen mal ordentlich aufgereiht, mal anarchisch gestreut, Datschen in allen Größen und Baustilen adrett herausgeputzt. Die Autofahrer sind zu loben, soweit man Klimazerstörer eben loben kann. Sie bremsen ab, wenn es erforderlich ist, setzten den Fahrtrichtungsanzeiger und umfahren den einsamen Wanderer in großem Abstand. Sehr zivilisiert. Die Straßen sind gut ausgebaut und an ihnen entlang findet sich kaum Müll, auch keine Flaschen (wäre eh nur blöd, weil kein Pfand). nur mit den Gehsteigen haben sie es nicht so, auch nicht in den Dörfern. Besonders misslich, wenn man ein Hinweisschild auf den Radweg verpasst. Das Wetter hat sich zu seinem und meinem Vorteil verändert. Sonnig und warm, mit der Tendenz der hitzemäßigen Übertreibung.

Identität:
“Wer bist du?”
In meinem ersten Leben war das einfach zu beantworten. Mit zwei Fragen.
“Wo kommsch här?”
“Vo Sprollahaus.
“Weam kersch?”
“Am Scheen.”


Heute würde ich die Frage anders beantworten: ich bin nordschwarzwälder Schwabe, der die meiste Zeit in Berlin gelebt hat und als solcher natürlich Deutscher, Europäer, Weltbürger, Teil des bekannten Universums und wenn es sein muss, auch noch darüber hinaus. Und meine voller  Namen lautet nun: Werner Schön von Sprollenhaus. Die Eigentumsfrage hat sich inzwischen geändert. Pause bei einem Bier, das die hübsche Lady hinter der Bar in einen eisgekühlten bauchigen Krug fließen lies. Fragte sie was Danke auf tschechisch hieße, wiederholte und vergaß es sofort wieder.  Ob dem Gedanken, dass Fremdsprachen wohl nie meine Freunde werden würden – abgesehen vom Hochdeutschen und mit Abstrichen, dem Englischen. Spanisch möchte ich noch gerne lernen und Suaheli. Zuhause liegen sechs oder sieben Spanischsprachkurse im Regal – alle so gut wie neu. Sprache am Schreibtisch lernen macht keinen Spass, außer man möchte ganz dringend jemanden beeindrucken, eine hübsche Holde vielleicht. Pantomime reicht da nicht sehr weit. Der Versuch, in Sevilla im Lande der Muttersprachler zu lernen, endete in hohen Ausgaben für Restaurants und Kneipen. Ich hatte bei der Anmeldung zum Sprachkurs angekreuzt “Lehrer und Anfänger” und endete in einem Kurs von Erwachsenen mit allen Muttersprachen außer deutsch. Fand ich gut. Man konnte nicht durch deutsche Zwischengespräche abgelenkt werden. Am Ende des Tages konnten die anderen schon sehr viel, ich praktisch nichts. Das führte bei mir und in der Nacht zu quälenden Gedanken und ernsthaften Sorgen über meine geistige Leistungsfähig. Am zweiten Tag, die Lehrerin musste meine Selbstzweifel erahnt haben, gab sich viel Mühe mit mir. Inzwischen hatten die anderen schon munter erzählt, wie und wo sie schon spanisch gesprochen hätten. Meine Selbstzweifel relativierten sich, waren doch alle schon einige Jahre auf irgend eine Art in der Sprache unterwegs. Nach dem dritten bot sie mir kostenlose Nachhilfe an. Ich aber wollte nur weg in einen anderen Kurs. Man steckt mich in einen Anfängerkurs für Jugendliche. Die waren genauso dumm wie ich und wir 30 Schüler lernten gleich wenig. Mein Selbstbewusstsein hatte aber noch zwei Wochen Zeit zu heilen. Da Bankkonto brauchte erheblich länger.

Das LabemCamp - die gequälten Muskeln können sich erholen

Gab ich mich den goldenen Gerstensaft hin. Das LabemCamp “Prodej Brambor” war erreicht, etwa die Hälfte der heutigen Etappe. Ein wunderbarer Platz zum rasten. Eine Mischung aus Biergarten, Zeltplatz und Bar. Sehr zu empfehlen. Auch die beiden lokalen Müttern mit Kindern am Nachbartisch hatten ihre Freude und süffelten ihre bunten Getränke aus riesigen Gläsern. Ich setzte mich in ein offenes Planenzelt – Schutz vor der heute brennenden Sonne – das sich hervorragend für das KindergartenShulzelt* am Kilimandscharo eignen würde. Transportabel, unkompliziert aufbaubar, stabil, robust und leicht. Der Blick fällt auf die Elbe, die in diesem Ausschnitt durch die windgekräuselte Oberfläche eher einem größeren Teich glich.. Nur das fest vertäute Motorboot irritierte in diesem Bild.
Ich hatte mich eben entschlossen, Salat mit Hühnchensteak und Backkartoffeln zu verspeisen und die Mittagspause mit einem Schläfchen im Schatten unter dem Kindertrampolin ausklingen zu lassen, als fünf Papas mit ihrer Brut radelnd in meine Vorstellungen einbrachen. Wie soll’s jetzt bloß weitergehen?
An den Nachbartisch setzen sich Oma und Opa mit Enkel. Opa, ein autoritärer Charakter Marke Erich Mielke, machte seinen Enkel nach Strich und Faden fertig. Anschauungsunterricht in schwarzer Pädagogik. Ich breche auf, in der Hoffnung später ein Plätzchen für mein müdes Haupt zu finden. Eine Brücke über die Elbe bringt mich nach Roudnice nad Labem und da nach einem unfreiwilligen kleinen Rundgang ins Hotelzimmer Koruna. Es ist 17:00 Uhr und ich habe für heute die Nase voll. Meine Beine schrien vor Schmerz, hatte ich doch mal wieder übertrieben. Jeder weiß, man soll die Etappenlänge langsam steigern, je nach Zustand des Bewegungsapparates. Mich aber treibt es sofort am ersten Tag los. Ich nehme mir jedes mal vor, vernünftig zu sein, angeblich sollen das ja selbst Schwaben in meinem Alter, aber es gelingt  nicht.

Praktisch! Vodka abgepackt in Portinonen - als Schmerzmittel?

 

Entmüden

Es passiert immer wieder, ich laufe los, übernehme mich, weil die unschuldigen Muskeln meiner Beine nicht entsprechend vorbereitet werden sie sauer. Zu Recht. Würde man mir so etwas zumuten, wäre ich es auch. Hilft aber nichts, am nächsten Tag soll es weiter gehen und das ohne Schmerzen. Die aber stellen sich routinemäßig ein, so man nichts während und sofort nach der muskulären Überlastung unternimmt.
Während: Von den Chinesen lernen und hin und wieder rückwärts gehen. Das entlastet und entspannt/dehnt die überlasteten Muskeln und macht sie wieder geschmeidig. Auch in die Hocke gehen hilft.
Danach: Sofort mehrmals in die Hocke gehen und Rumpfbeugen machen (Sinn siehe oben). Dann ein heißes Bad nehmen. Eine heiße Dusche hilft auch, wenn auch nicht so gut. Während einer länger andauerten Ausdauerleistung sammelt sich nämlich Milchsäure in den Muskelfasern, wird nicht mehr genügend durch den sich beruhigenden Blutkreislauf abtransportiert und greift die Fasern an. Durch die Erwärmung bleibt der Kreislauf in Schwung und transportiert die Milchsäure ab. Noch besser ist ein kurzes Eisbad um die bereits während der Leistung in Gang gesetzten Entzündungsprozesse zu stoppen und anschließendem Wärmebad. Den ebenfalls überlasteten Gelenken hilft das alles nichts. Die brauchen zur Erholung Zeit. Am besten ein, zwei Tage Pause, oder  eine verkürzte Etappe. Je nach Schmerzgrad.

Roudnice nad Labem – Kralupy nad Vitavou

Posted on 30. Juli 2014 by Werner
Kornfelder und irgenwo hat sich die Moldau versteckt

Ich wandere an großen Feldern mit Raps, Weizen, Mais, Hopfen und vereinzelt Sonnenblumen vorbei. In dorfnähe findet man Streuobstwiesen und Gemüsegärten. Durch die Weizenfelder bewegen sich mählich getümehafte Mähdrescher. Sie ernten die Strohhalme, die ihre kornschweren Ähren kopfüber hängen liesen. Von Treckern gezogene einachsigeTransportmulden, die den aus Rohren schießenden Strom goldener Weizenkörner zu am Straßenrand aufgereihten Kipplaster transportierten und dann von diesen schwerfällig ihrer Lagerung oder Verarbeitung entgegen geschleppt wurden. Später erreiche Nova Ves und das leuchtend hell gestrichenes Restaurant “U Sokola”. Mit der lebenslustigen fülligen (Rubens-) Bedienung stelle ich das Menu zusammen. Am Schnittpunkt zum Gast, also da wo Geld verdient werden kann, immer eine freundliche Blondine. Blond steht hier für guten Service, für Qualität. Ich meuchle vor mich hin, etwas beschämt darüber, die Nasen meiner Mitmenschen mit meinem Geruch zu belästigen. Jetzt noch einen abgerissenen Sack voller Pfandflaschen und der Penner wäre perfekt. Dabei habe ich heute morgen im Halbschlaf nur vergessen, das T-Shirt zu wechseln. Schweineschmalz drei Scheiben Brot Schnitzel mit Kartoffeln und Majonese wurden mir serviert. Schmeckte. Drei wohlbeleibte Herren Bier tranken Tour de France schauend ohne ein Wort zu wechseln ein Bier nach dem anderen, nur unterbrochen durch einen gelegentlichen Gang zur Toilette.

Geogrphie seltsam: Das Wasser der Moldau hat Höhlen aus dem weichen Sandstein gewaschen

Zurück auf dem Europaweg. Höhenzug. Schmaler Pfad, gut gekennzeichnet. Eichenwälder unterbrochen von Kiefernbäumen. Geologie seltsam. Schmaler Höhenzug obenauf abgeschliffenes Geröll mit Sand vermischt drunter weißer Sandstein und noch weiter unten Basalt. Am Ende des Waldes stand Eva in ihrer Erscheinung als Apfelbaum und reichte mir einen angenehmen säuerlich schmeckenden Apfel, sie grünhaarig und freigibig. Erster Blick auf die Moldau. Stunden später falle ich auf die Bank eines kleinen Biergartens. Romadur Nanuky – Stinkenudeln bietet der verwegen, kurze krumme Beine in einer knapp knielangen verschlissenen Hose, schwarzes T-Shirt mit kaum noch erkennbaren Motörheadaufdruck, struppige blonde Haare, dunkelblond wohl dem undefinierbaren Alter zuzuschreiben, aussehende Wirt auf seiner Speisekarte bei einem kurzen Halt in der Kneipe unter dem Burgschloss. Micha würde das gefallen haben, ich ziehe nach einem Gambrinus weiter. An der Moldau entlang erreiche ich Kralupy nad Vitavou, schleppe mich auf schmerzenden Beinen ins Hotelsport, einen Veranstaltungshotel aus vergangenen schlechteren Zeiten und lege für eine halbe Stunde die Beine hoch. Im Restaurant “Na Frantiśku”, das seine Eröffnung wohl bereits vor einigen Jahrhunderten gefeiert und dessen Einrichtung Generationen von Gästen erlebt hat ohne sich wesentlich zu verändern, lasse ich mich in direkter Nachbarschaft des vollbesetzten Stammtisches nieder. Kräftige Männer und Frauen sitzen lauthals das Leben genießend zusammen, jeweils gut über hundert Kilogramm auf meine imaginäre Waage bringend. Jene Waage, die mich zusammen mit einem Blick in den Spiegel, in regelmäßigen Abständen zu frugalen Eiweißdrinks greifen lässt. Diese Lokalität steht für sich, die jungen Bedienungen müssen sich nicht Blondieren lassen, der Laden ist eine Institution mit einer Autorität so spürbar, wie die des Papstes in der Kirche. Voll besetzt wie diese zu Heilig Abend. Das Essen, das kurze Zeit später, zusammen mit einem Orangensaft, vor mir steht, könnte ein Teil der Antwort auf die Leibesfülle aller über 30jährigen sein. Der andere, der ständige Nachschub an Bier. ich bin umgeben von einer angenehm klingenden Sprache, leider genauso schwer von der Schriftsprache in die Lautsprache umzusetzen. Ein melodisches “Dobry Den” bekomme ich inzwischen hin. Fand zurück ins Hotel und schlief.

Kralupy nad Vitavou – Prag

Posted on 30. Juli 2014 by Werner

Basaltschotter wie am Gipfel des Kilimandscharos zeigte sich an Stellen, an denen der Bewuchs in den Fluß abgerutscht ist. Englischgrüßende Radwandergruppe, die sich vom Radweg auf den Fernwanderweg verirrt hatte, kam mir auf dem schmalen Pfad der sich durch das Moldautal  mit Hügelzüge rechts und links zieht, entgegen. Hunger überkam mich, so dass ich den Weg verließ und einem Schild zu einem Hotelrestaurant folgte. Ein Koch und ein Kellner, die eben ihr Lokal öffneten, bedienten mich mit einem eher unschönen Gesichtsausdruck. Gesalzene Erdnuss,  ein Omelette mit Käse, eine Cola und ein Bier, das war mein Mittagessen. Ein Bier vor zwölf brachte mich zum sinnieren. Ich habe Glück, oder Pech, denn ich verfüge über eine genetisch bedingte Alkoholintoleranz, ähnlich vieler Asiaten. Wo immer das Gen herkommen mag, es zwingt mich dazu, die Welt schöner zu machen um glücklich zu sein. Schöner trinken kann ich sie mir ja nicht. Trank ich mir früher eine Frau schön, konnte ich sie anhimmeln, aber leider nicht beglücken. Das war nicht immer von Vorteil, blieb ich doch deshalb häufig ungevögelt. Heute blicke ich tiefer, auf die schöne Seele einer Frau. Alkoholintoleranz als Antrieb für Weltverschönerung! Ideen blitzen manchmal auf in diesem Kopf. Das hässliche Antlitz des Elends in allen Bereichen, Bildung, Lebensverhältnisse, Kunst, muss ich so verändern, dass es schön ist. Vielleicht kommt der Name Schön gar nicht von der unzweifelhaft schönen Gestalt, die meiner Familie zu eigen ist, sondern von eben diesem Bestreben. Blickte rasch wieder zum Fluss. Er windet sich in engen Schleifen Prag entgegen.

Mit einem kleinen Boot über die Moldau gesetzt, gesteuert von einem Mann in skurril anmutenden Matrosenoutfit. Dann kamen Autos, die ersten Stadthäuser, Menschen. Entlang einer breiten Straße durch über ein Neubautprojekt mit Tunnel geradewegs in den Hrad. Menschen von allen Erdteilen, aus tausenden Städten und Dörfern, fast alle Sprachen der Welt flossen zu einem Weltmurmeln zusammen. Treppenstufen runter und mitten hinein ins städtebauliche Herz Prags. Touristenmassen, einer aus Berlin, strömten durch die Gassen und Straßen, setzten sich in Cafés und Restaurants und ergossen sich auf Plätze. Nach vier Tagen über Land und kaum einem Wort gesprochen oder gehört, ist das etwas viel Mitmenschen. Ich fragte mich zum Bahnhof durch, stecke mir die Ohrstöpsel rein und lausche ruhiger Musik – leider nicht Smetanas “Die Moldau”. In Dresden macht mich der Schaffner des Schlafwagens, bei dem ich etwas zu Trinken kaufe, darauf aufmerksam, dass der Zug geteilt wird. In letzter Sekunde gelingt mir die Übersiedlung in den Berlin-Teil. Dann bin ich wieder in der Hauptstadt.

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Wittenberg bis Torgau

Winterferien, vorfrühlingshafte Temperaturen, kein Schwein unterwegs und zweieinhalb Schwarzbier in Torgau.

Am Bahnhof von Wittenberg

Die letzten Ferien habe ich mit Stümmler in einem Häuschen in der Oberpfalz verbracht. Nur ein paar Tage. Danach war ich erholt und bereit für eine neue Runde Pubertisten – aber auch für eine Abmagerungskur. Pro Tag habe ich praktisch ein Pfund zugenommen und bis Weihnachten die magische Marke von 90 Kilo küberwunden. Elend, elend, elend war mir zumute und ich nahm mir vor, in den nächsten Ferien Entspannung wieder im Wandern zu suchen. Jetzt sind diese Ferien. Achtzig Kilometer und drei Tage später kann ich sagen, wandern ist die bessere Alternative. Gesundheitlich gesehen.

Sonnenaufgang zu einem vorfrühlingshaften Tag

Mit dem Regionalzug dauert es etwas mehr als eine Stunde, mit dem ICE 45 Minuten. Nehme den nächsten Zug, einen RE der Deutschen Bundesbahn. Kurz durch Wittenberg, das sich für das anstehende 500-jährige Reformationsfest herausputzt, einen Kaffee trinken, zwei Bücher kaufen und dann mache ich auf den Weg. Zum Stadtrand hin stehen zunehmend Wohnungen und Häuser leer. Setze meinen Fuß auf den Elberadweg und wandere.

Kahler Baum vor Elbe

Rehrudel nehmen reißaus. Riesige Gänseschwärme am Himmel und beim Rasten auf dem Feld, kilometerweit zu hören wie die Autos von der Bundesstraße, nur angenehmer, natürlicher. Dahinter eine still vor sich hindrehende Windfarm. Blick vom Damm, über bereits zartes Grün, das übernächste Dorf bereits an der Kirchturmspitze erahnend. Nur die Entfernung täuscht manchmal gewaltig, vor allem, wenn die Sehnsucht nach einer Rast das Auge trübt. Die Nähe der Dörfer und Städtchen ist auch ein Hinweis darauf, wie fruchtbar die Gegend ist. Im Schwemmland der Elbe hat sich die Erde zu schwerem Lehm verdichtet. Und die Überflutungen sorgen für steten Nachschub. Gerade so wie am Nil, nur Pharaonen habe ich noch nicht getroffen. Langsam mäandere ich das Elbtal entlang. Jeder Blick zurück, der eine mögliche Abkürzung erahnen lässt, tut nicht nur in den Beinen weh. Wir Menschen sind halt faul veranlagt. Meistens ziehen wir den kürzeren Weg der Schönheit der Landschaft vor.

Alte Dorfkerne sind ein schönes Plätzchen zum Rasten - im Sommer

In jeder Wüste gibt es eine Oase. Und in Torgau nennt sie sich Rumpelkammer. Heute morgen bin ich in Elster aufgebrochen, nach einer Nacht in einer Sardinendose. So kam mir das Winzzimmer jedenfalls vor. Minimaler Raum, maximaler Preis, aber mit Dusche. Hübsche Bäckerei mit kleinem Gastraum, erinnerte mich ein wenig an Friesland. Dachte bei dem Preis an ein schönes kleines Zimmer im ersten Stock. Stattdessen eine Sardinendose für Radwanderer, klein, praktisch für mobile westliche Wohlstandsrentner.

Nach einer Streußelschnecke und einem großen Kaffee wanderte ich durch den zweiten vorfrühlingshaften Tag. Auf Radwegen und Dämmen durch winterschlafende topfebene Landschaft, auf Wegen und Umwegen, auf Abkürzungen und landwirtschaftlichen Betriebswegen. Mit der Elbe nach Preitzsch. Mittag. Die Beine sind müde vom ungewohnt langem Gehen. Nirgendwo ein gemütliches Plätzchen zum ruhen, keine Bäckerei, kein Imbiss, kein Restaurant. Nichts. Keine Saison und die Einheimischen bleiben wohl Zuhause. Spätes Erbe der DDR, oder Mangel an Geld? Die Beine tun weh. Im Städtchen alles dicht. Hier kann ich nicht bleiben.

Verlockung in der nicht zu weiten Ferne - aber wieder alles verriegelt

Trampen nach Torgau. Ein Kleinbauer im blauen Trillich und Kleinwagen und ein Lokführer im Van nehmen mich mit. Esse eine Pizza Amerikana im Vorraum eines Pizzaservice, der sich zwar so nennt, aber alles von indisch über chinesisch und amerikanisch ins Haus liefert. Eine Hotel-Pension in einer Seitenstraße, heftig beworben, scheint mir überteuert. Beschließe im Grandhotel gegenüber dem Rathaus zu logieren. Wenn nichts mehr geht, nehme ich immer das Hotel am Marktplatz, vor allem, wenn so müde und kaputt wie heute. Mittagsschlaf. Dunkelheit, Heute im ZDF. Suche nach einem Geschäft. Aldi: Limo, Halorenpralienen und kleine Salamis im Vorteilspack – das Abendessen. Denn in dieser Stadt scheint alles tot. Kein Restaurant, kein Gasthof, kein Imbiss noch nicht mal ein Puschl für die Raucher, Säufer, Kleinzocker. Nichts. Eine schöne tote Stadt.

Puschl in Torgau - Rumpelkammer am Schloss

Doch in jeder Wüste gibt’s eine Oase. Die Rumpelkammer zum Schloss, in einer kleinen Seitenstraße kurz vor der Kirche. Traue mich ins Zwielicht. Zwei Hände voll Gäste verteilen sich in zwei Gruppen im verwinkelten Gastraum, die eine quatscht, die andere spielt Dart. Alle sind da. Nur das Sportfernsehen fehlt. Jeder Puschl ist anders. Eine Stadt ohne geht nicht. Nirgends.

Der wird heißt Moses, vielleicht nennt er sich auch nur so. Puschl heißt ja auch nicht wirklich Puschl. In der Ecke, oben an der Decke, hängt ein Vorfahr der Schwalbe. Erinnert mich an die NSU Quickly meiner Mutter, mit der ich die ersten unerlaubten Außfahrten durch den Wald des Schwarzwalds unternommen habe. An der Wand alte Holzschier, daneben ein Holzwanduhr, ein Spinnrad, misstrauisch beäugt von einem Portrait des ehemaligen Staatsratsvorsitzenden und … Walter Ulbricht. Moses hat die Räume von einem Griechen übernommen, der mit seinem Restaurant Pleite ging. Die mit aufgeklebtem Naturstein Torbögen gestalteten Durchgänge passen nicht, aber Moses brachte eine eigentlich erforderliche Bereinigung der innenarchitktonischen Gestaltung nicht übers Herz. Wie verbunden man sich mit einem Fremden in seinen Eigenheiten und Schwächen doch fühlen kann. Unter dem Moped steht ein kleiner runter Stammtisch mit viertelrundem Ledersofa, Sesseln, gepolsterten Stühlen und auch harten. Acht, neun Stammgäste werden es im Laufe des Abends. Eine Lady sitzt schweigend dabei. Easy talking. Dann kurze Erregung über mut- und engagementlose Stadtväter und -mütter, die jeglichem musikalischen Großereignissen ablehnend gegenüber stehen. Verwaltung, Vorschriften und Besoldung sind Westniveau, die Kaufkraft der Bevölkerung sind es nicht. Aus der Differenz entsteht alltagskulturelle Ödnis. Zweieinhalb Schwarzbier später wanken ich glücklich trunken meinem Bett entgegen.

Von Torgau zurück nach Preitzsch. Ob elbauf- oder elbabwärts spielt keine Rollen. Nochmal dreißig Kilometer. Es wird Abend. Irre etwas durch die Gegend und versuche einen Hike nach Wittenberg zu erwischen. Ein Einheimischer auf dem Weg zu seinem Freund in Altlandsberg bei Berlin nimmt mich mit. Bahnhof Wittenberg, ICE, Berlin, Puschl. Wieder zuhause. Und glücklich.

 

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Über Türkei

Der Tagesspiegel hat Emrah Serbes proträtiert. Er schreibt Krimis, türkische Krimis. Und er ist Sultan Erdoan auf den Keks gegangen. Jetzt hat er eine Anklage wegen Majestätsbeleidigung am Hals – bis zu neuen Jahre Gefängnis drohen ihm.

Türkischer Krimiautor Emrah Serbes

Als Wanderer trifft man Menschen. Emrah habe ich nicht getroffen. Nicht in Istanbul und nicht auf der Landstraße. Ihn kann ich vielleicht in einem seiner Krimis treffen. Sieht so aus, als ob ein alter ego von ihm da den Komusar gibt. Was ich über ihn lese gefällt mir. Er war bei Gezipark-Protest dabei und sagt dazu: “Wir haben erfahren, dass wir der Staatsgeewalt nicht ausgeliefert sind.” Das hört sich nach Demokratie an, nach aufgeklärtem Bürger, nach einer guten politischen Zukunft. Seinen Kommisar lässt er sagen: “`Dieser Mann belügt uns nach Strich und Faden. Herr Hauptkommissar, was soll bloß mit ihm werden?` fragt ein Mitarbeiter Behzat C. (Kommissar) in Serbes`erstem Roman. Der antwortet: `Wirf ihn mitsamt seinem Stuhl aus dem Fenster.´ `Nicht dass er dann krepiert und wir den Ärger haben. Wegen der Europäischen Union und so.´`Die kann mich mal, die Europäische Union.´” (Tsp. 7.11.13, S. 3) Das klingt nach Selbstbewusstsein, das klingt nach einem wertvollen zukünftigen Mitglied der EU, eines auf das man sich freuen kann, ein es das mitmachen will und nicht nur absahnen.

Werde losgehen und versuchen einen seiner Krimis auf deutsch zu kriegen. Kann mich der Türkei nur näher bringen. Wie einem der Tatort am Sonntag Deutschland nährer bringen kann.

Gruß, Werner Schön

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Berlin – zwischen den Etappen

Seit ich die Donau verlassen, durch Bulgarien, den europäischen Teil der Türkei bis Istanbul und dieses Jahr von Istanbul nach Ankara gewandert bin, scheint mir, als ob die Menschen mich festhalten, zum Verweilen bewegen wollen. Ein Chai, ein kurzes Gespräch und schon werde ich unruhig. Etwas zieht mich weiter. Oder treibt es mich weiter? Lockt mich das afrikanische Abenteuer, oder fliehe ich die Menschen?

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60 Ankara – Berlin

Der Mond über Ankara und Berlin

 

Wer die Welt erkunden will, muss los gehen.

Wer die Menschen kennenlernen will, muss zu ihnen gehen.

Wer zu sich kommen will, muss zu Fuß gehen. (bo)

 

Istanbul – Ankara, eine sehr neue Erfahrung. Zuerst die Metropole am Bosporus, mit ihrem europäisch-orientalisch Flair, ihrer ganzen Lebndigkeit und den aktuellen politischen Spannungen. Dann der erste Schritt auf die asiatische Seite mit dem ersten Eindruck “da muss  man nicht nochmal hin” und nach und nach doch interessanten Eindrücken einer ganz eigenen Urbanität der Außenbezirke. Am Marmarameer entlang, der erste Aufstieg ins anatolische Hochland, dann der zweite auf über 1.500 m. Welliges Hügelland mit einer ganz speziellen Geologie von Vulkangestein, hochgedrücktem Meeresboden, Geröllmassen, die nur von einem starkem Strom erzeugt worden sein können, der aber hier in dieser Höhe nie geflossen sein kann und ein heiß und stechend brennenden Sonne.

Gastfreundliche Menschen, die den Wanderer zu einem Tee und hin und wieder auch einem Essen einladen, neugierig nach dem woher und wohin fragen. Unngläubig den Kopf schütteln aber respektvoll Anerkennung zollen. Besuch bei Deutschländern, die zuhause in der Türkei mehr Deutsche sind als sie es in Deutschland sein durften und vielleicht auch wollten. Einige Tourismusbeschäftigte, die keine Gelegenheit verpassen, den Fremden übers Ohr zu hauen – ein letzter Versuch am Flughafen, noch rasch abzuzocken – sich damit aber nicht von anderen Schwellen- und Entwicklungsländern unterscheiden.

Ankara, eine Großstadt in ihrer Größe vergleichbar mit Berlin, durch die der Wind Staub treibt. Vor meinem inneren Auge erschien eine Wüstenstadt, wie man sie in den einschlägigen Western bewundern konnte, durch die der Wind Tumblweed rollen lässt. Heute aber eine weltoffene Stadt, in der man sich wohl fühlen kann. Zu Beginn der nächsten Etappe lohnend zu erkunden.

Dann Stuttgart, Nordschwarzwald und wieder in Berlin. Die Kartoffeln- und die Tomatenpflanzen auf dem Balkon haben sich prächtig entwickelt, die Wohnung und die Stadt fühlen sich gut an. Ein Blick zum Himmel, nur wenige Sterne sind zu sehen, aber der Mond, der ist der gleiche wie in Ankara. Zwei, drei Tage zum Ankommen und dann … geht es weiter.

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58 Kizilcahamam – Kasan

Rosa Zimmer in Truckerhotel

Keiner kannte das Hotel, nicht mal der Taxifahrer. Im Zentrum von Kasan gab es wirklich keines. Aus einem Winzdorf wurde innerhalb weniger Jahre eine Stadt, Schlafstadt für Ankara, wer braucht da ein Hotel. Hab dann in diesem “Männerhotel” genächtigt.

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59 Kazan – Ankara

 

Blaue Blume am Wegesrand

Der letzte Wandertag ist bereits der erste Heimreisetag. Wird auch Zeit. 40 Kilometer auf einer Landstraße, kaum Verkehr, hin und wieder lästige Hunde und dann die ersten Vorstädte von Ankara. Ein schöner, aber nochmal schwer fußbelastender Abschluss. 90 Kilometer in zwei Tagen, die Vorfreude hat´s erträglich gemacht. Und, vielleicht krieg ich noch einen Flug nach Stuttgart.

Ankara hat mich nett aufgenommen. Ein nettes, bezahlbares Hotel, gegenüber ein türkischer Biergarten, oder das was einem solchen nahe kommt, alte Gebäude, Restaurants, kleine Shops für die kühlen Lightgetränke, flanierende Menschen mit offenen, freundlichhen Gesichtern – eine moderne Großstadt mit sympathischen Menschen. Wäre da nicht der junge Mann am Flughafenschafenschalter von Pegasus-Airline gewesen. Und das war so. Ein befreundetes Paar aus Tübingen, Iris und Wieland, hatten ein Fest organisiert, bei dem diverse Anlässe gefeiert wurden – es war ein schönes Fest – und ich hatte im Internet tatsächlich einen Flug nach Stuttgart gefunden.

Morgens um 9:00 Uhr, konnte ihn aber nicht Online buchen. Erst wollte ich auf jeden Fall um sech morgens zum Flughafen fahren, dann hielt ich das Unterfangen für reichlich optimistisch und gedachte mit dem Bus nach Istanbul und von da eine der vielen Verbindung zu nutzen. Leztendlich entschied ich, wenn ich um halb sechs wach wäre, würde ich ein Taxi zum Airport  nehmen. Fünf vor halb war ich wach, rasch angezogen und mit einem befreudeten Fahrer des Rezeptionisten auf dem Weg. Pegasus hatte noch einen Platz, ich aber nicht mehr genug Lira. Der junge Mann meinte, ich  könne auch mit Lira und Euro bezahlen. Mit Freuden hat er mir den Gang zum Geldwechsel abgenommen und gleich auch unangemessen viel Geld. Er rechnete Euro in Lira 1:1 und nicht 1:2,5 wie offiziell. Als ich ihn darauf ansprach, war er sichtlich verlegen und reichte zehn Lira über den Tresen. War immer noch Betrug, ich aber zu müde und lustlos um mich zu streiten. Ich hatte das Ticket und die Vorfreude auf das verduzte Gesicht meiner Freunde.

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57 Kizilcahamam

Specht im Park

Kizilcahamam … egal wie genau ich lausche, ich verstehe nur …hamam und egal wie ich es aussprech, ich werde nicht verstanden. Vielleicht wurde ich deshalb gestern nicht rechtzeitig abgesetzt. Ich schreibe es auf einen Zettel, das hat bisher immer geklappt – zumindest in Europa.
Keine Dönerspieß dreht sich, kein Imbiss hat geöffnet und nirgendwo sehe ich Männer ihren geliebten Cay schlürfen. Es ist Ramadan, sagt mir der Portier in berlinisch eingefärbten deutsch. Quasi ein ehemaliger Nachbar. Er hat in der Yorckstraße gewohnt und ist jetzt zurück in dieser boomenden Thermalbäderstadt.Nur seine Tochter will nach Deutschland, richtig deutsch lernen .Kann man nur loben. Bleibt die anstrengende Visafrage.
Die Thermalquellen sind schön heiß: 38 – 42 Grad. Habe mich heute mittag, nach dem Restwandern des gestrigen Tages, für ein paar Minuten in den Hotel eigene Marmorhamam gelegt. Ja, ja, Luxus muss zwischendurch schon sein. Danach war ich überreif für ein Nickerchen. Die Stadt ist uninteressant, lieblose Neubauten um den Aufschwung der Bäderstadt unterzubringen. Um so schöner ist der Naturpark Tal aufwärts. Unter Kiefern stehen Bänke und Tische, unter denen sich abends die Familien der Stadt zum essen einfinden, gerade jetzt  Ramadan wird das gemeinsame Essen während der einsetzenden Dämmerung vorbereitet.

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56 Gerede – Kizelcahamam

 

 

Pausenbank Buswartehäuschen

Immer mal wieder fragt mich jemand, ob ich keine Angst habe. Ja, habe ich ständig. Mal mehr, mal weniger, sie ist mein ständiger Begleiter. Hunde sind der größte Angstmacher, danach in Horden auftretende Halbstarke, die es auf seltsame Menschen abgesehen haben. Wildtiere und Geister gehören nicht zu den Angstmachern. Ja, ich habe Angst, aber meistens Durst.
Die D – 100 führt quer durch die Türkei und verbindet Edirne ganz im Westen bis zur türkischen Ostgrenze. Bisher bin ich ihr von Edirne über Istanbul bis Gerde gefolgt. Jetzt muss sie verlassen und der D- 750 folgen. Sie ist nur vierspurig und weit angenehmer zu gehen,  weil weniger befahren. Es geht wieder aufwärts, entlang ei es Flüsschens. Ich sitze im Schatten einer Weide und Frühstücke. Spiegeleier mit Ekmek, Honigmelone mit Honig (schmeckt erstaunlich köstlich), Cay und kühles Quellwasser direkt aus der Quelle, die neben mir in ein Brünnlein plätschert. Wären da nicht die noch ausstehenden 50 Kilometer, zu den bereits zurückgelegten 15, es könnte so idyllisch sein. Ich schätze noch 20, 25 km, dann ist Schluss für heute. Rest mit Bus oder trampen.Aufwärts, aufwärts, bergaufwärts. Wie hoch liegt eigentlich dieses Ankara?

Kurz vor dem schlappmachen taucht ein kleiner, ja was, Wohnmobilplatz auf. Das Restaurant ist geschlossen, aber die beiden Hunde wenigstens an der Leine. Kaum habe ich mich gesetzt und den traurigen Rest der Cola angeschaut, fährt ein Fiat älteren Jahrgangs vor. Ein Junge steigt aus und schließt das Restaurant auf, sein Vater eilt schnellen Schrittes, mit Jagdgewehr in der Hand, hinter das Haus. Kurz darauf knallt ein Schuss. Da trinke ich aber schon ein Effes und sehe die Welt wieder optimistischer. Das Restaurant dient auch als Treffpunkt für Jagdfreunde, bei angesichts der rustikalen Einrichtung und all den Trophäen an den Wänden unschwer zu erraten ist.

Bei 1.570 Metern über NN ist der höchste Punkt dieser Etappe erreicht. Noch drei, vier Kilometer abwärts und ich habe das Tagespensum geschafft und mich auch. Noch rasch ein Bild, damit ich morgen an der richtigen Stelle weiter mache. Kaum habe ich den Daumen draußen, hält auch schon Papa mit Sohn, der es sich auf der Rückbank bequem gemacht hatte, mit seinem klapprigen Fiat. Sie nehmen mich nis übers Ziel hinaus mit, weil bei der Ortsangabe etwas schief gelaufen ist. Ein Taxi liest mich auf und bringt mich zu einem Hotel. Werfe meinen Astralkörper mitsamt dem sterblichen Rest in die Badewanne. Jawohl, Badewanne, und sie ist randvoll mit Thermalwasser, das direkt per Leitung in das Zimmer geliefert wird. Für den Rest – morgen ist auch noch ein Tag.

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