Wanderer – Dresden bis Riesa

 

Wanderer – Dresden bis Riesa 

Osterferien, gutes Wetter, drei Tage,
eine Aufgabe: Als Kundschafter für Naja und das EMF – SommerCamp: Dresden 2014 die Location in Augenschein nehmen.

Dienstag: Aufbruch
Noch 20 Minuten bis Abfahrt. Um zwei Minuten verpasst, weil Abfahrtszeit nicht richtig gelesen. Oh, Schön! Zeit zum Lesen und dann mit dem ungarischen EC nach Dresden. Durch das neu erbaute Zentrum (Neubau war nötig, weil am Ende des II. WK total zerstört und beim Notaufbau grässlich verschandelt) in die erstklassig restaurierte Altstadt. Am wieder der wieder aufgebauten Friedenskirche vorbei über die Elbbrücke auf den rechtselbischen Radweg Richtung Torgau, dem Ziel meiner Osterwanderung.

Beachclub Dresden
Erste Pause am Beachclub Dresden. Frage nach dem einem Campingplatz und man druckt mir die Website aus. Sehr freundlich – leider liegt er elbaufwärts jenseits der Stadt. Erzähle noch von der EMF – Kampagne (an einem Beachclub fallen ja einige Flaschen an und eine schön gestaltete Sammelbox würde sich gut machen neben der Theke), trinke eine Cola light und mache mich wieder auf die Füße.
Campingplatz “Am Badesee Coswig-Kötitz
Es ist tatsächlich der, den Naja und ich ausgesucht hatten und er ist besser als sein sperriger Eigenname vermuten lässt. Alles da: Der Platz zum zelten für die SchülerInnen, die Mitcaravane für die Lehrer, das Schwimmbad, der Badesee, die günstigen Preise und ein nette Bedingung im Café. Könnte gut passen. Knipse für den Werbeflyer von Naja. Der andere Campingplatz, der jenseits der Stadt, könnte eine Alternative sein, weil er nahe am Elbsandsteingebirge liegt. Mal sehen.

Radebeul
Immer auf dem Elbradweg weiter nach Radebeul, Home of Karl May, dem ersten großen Romancier meines Leserattenlebens. Quartiere mich in der Pension Alte Schule, die passender weise in einem alten Schulgebäute untergebracht ist, ein. Lehre – Schule, passt. Fünfundvierzig Euro für die Nacht lassen mich schlucken. Der Ruhm des Sitzfleisch-Autors, er hat die Schauplätze seiner Abenteuerbücher nie gesehen, macht das hübsche Städtchen zur Touristenattraktion. Das kostet.

Mittwoch: Radebeul - Reiterhof

Liege weit hinter meinen Tagesetappen zurück, wobei liegen nicht das richtige Wort ist, um die Verzögerung meines Fortkommens zu beschreiben. Alle paar Meter bleibe ich stehen und schreibe Ideen und Gedanken auf. Das bremst ab. Macht nichts, außer Spaß. Nur werde ich es so nicht bis Torga schaffen. Macht auch nichts. Links taucht die Albrechtburg über der Stadt Meißen auf. Ein Maler hält das Panorama fest. Banne den Blick über seine Schulter auf meine Kamera. Kleine Pause, kleines Vesper. Das Tal wird enger und an den steilen, aber niedrigen Hängen wachsen Rebstöcke, deren ferne Endprodukte in den Weinschänken am Wegesrand zu kosten gibt.

Reiterhof & Pension Schmidt
Beschließe auf einem Reiterhof zu Nächtigen. Gutes Essen, neue Zimmer, nette Leute und Rösser, die man vom Flur durch Fenster in der Reithalle bestaunen kann. Könnte den Mädchen gefallen. Nur schade, dass man das nicht vom Bett aus kann. Der erdverbundene Eigentümer des Hofes serviert das Frühstück. Von meinem Vorschlag, die Zimmer mit einem Fenster zur Reithalle auszustatten, wurde er schwer überrascht. Auch meine Versicherung, sowas gäbe es dann nur bei ihm, bringt die interessante Neuerung ihrer Verwirklichung wohl keinen Schritt näher. Aber er gab mir den Tipp mit auf den Weg, ich möge die Elbe überfähren, das andere Ufer wäre viel abwechslungsreicher.

Donnerstag: Reiter - Riesa

Wo gestern die Sonne auf die Erde lächelte,  verhüllt heute Nebel die Gegend. Die Elbe – weg, kein Pferd zu sehen – verschwunden. Und es ist wesentlich kühler. Bereue fast,  tags zuvor zurück gegangen zu seim, um den verlorenen Pullover und die Regenjacke zu suchen. Könnte noch nützlich werden. Man kann nie wissen. Nach einem ausgiebigen Frühstück ist die Welt wieder schön. Die Sonne strahlt von einem leicht bewölkten Himmel.

Linkselbische Schönheit
Kleine Dörfer und Gehöfte, alte Bäume und wachstumssatte Felder. Dazu schmale Feldwege ab dem Radweg und ganz für mich alleine. Eine schöne Strecke, die ich erwandern durfte. Aber erst nachdem ein Fährmann ganz für mich alleine die Überfahrt wagte. Premiere für mich. War noch lang ganz aus dem Häuschen vor Freude.

Riesa.
Ein Stadt, viel zu doll herausgeputzt für den mangelnden Reichtum ihrer Bewohner. Wie bei vielen säuberlich restaurierten Städten im ehemaligen Osten, der heute nur noch eine geographische Bezeichnung ist. Kaufe in einer kombinierten Metzgerei-Bäckerei zwei belegte Brötchen, einen Berliner (ohne Gummibärchen und Smarties!) und ein flammenden Herz. Nebenan erstand ich eine Zeitung und das GEO-Epoche Afrika mit DVD. Lesen und achtsam Essen (nach jedem Biss ein Schlückchen Cola Zero und auch ein paar Sätze genießen). Ich werde eher satt und hoffe, so mein abgediätetes Gewicht zu halten.
Deutsche Bahn.
Karte kaufen, gleich zum Gleis 1 gehen und 20 Minuten warten. Die Abfahrtszeit ist vorüber, kein Zug und keine Anzeige. Fahrgäste mit fragenden Gesichtern. Die veränderte Abfahrt von Gleis 4 wäre angesagt worden, sagt die Dame am Schalter. Niemand hatte davon gehört oder gar gelesen. Der Fahrkarteautomat druckte Gleis 1, die Anzeigentafel leer und kein Ton aus den Lautsprechern. Dafür gestrandete Reisende mit roten Flecken im Gesicht. Wir beschließen eine Beschwerde und tauschen Adressen aus. Ich War nicht schuld. Nehme den nächsten ICE.

Berlin
Wieder zu Hause den Kopf und Everest voller Ideen und Gedanken. Packe aus, spüre der erholsamen Wanderung nach und freue mich auf die Schule.

 

 

 

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Jerichow

Jerichow

Watschle an der ersten Pension vorbei. zu weit außerhalb. Möchte doch in der Nähe des Klosters nächtigen, vom Geist der Jahrhunderte berührt werden. Pension am Kloster. Geschlossen. Ich rufe an. Ob ich mich denn angemeldet hätte. Nein. Das wäre sehr schlecht. Wäre nichts zu machen. Ausgebucht. Dieser Arsch. Kein Auto auf dem Parkplatz, kein Fahrrad weit und breit. Und das Gebäude tot wie eine überfahrene Kröte.

Labsal im Pilgerzimmer

Könnte ihm den Hals umdrehen. So scheinen sich einige der neue Gast- und Pensionswirte zu verhalten. Für einen einzelnen armen lohnt es nicht, den ganzen Laden anzuwerfen. Ist zu viel Arbeit. Vergleichbar mit den Mondpreisen, die in manchen Gaststätten an touristischen Plätzen für drittklassige Magenfüller genommen werden. Geld verdienen ja, Gastgeberethik nein. Erreiche das Kloster mit Müh und Not. In der Klostergaststätte genieße ich ein hervorragendes Essen. In der Speisekarte wird ein Pilgerzimmer, das zu mieten sei, erwähnt. Ich spreche den dienstbaren Kellner an. Ja, geregelt würde das im Infocenter. Und siehe da, es ist frei. Ich miete das gar nicht klausurhafte Zimmer. Lege mich zu einem späten Mittagsschlafe. Später gehe ich los und kaufe zur Feier des überstandenen Tages eine Flasche Rotkäppchen. Genieße verdient den prickelnden Traubensaft.

v. Bismarck

Die Morgenandacht lasse ich sausen und mache mich früh auf den Weg Richtung Havelberg. An einer Straßenkreuzung setze ich mich unter einen Radwandererschutz. Prompt fängt der graue Himmel an zu regnen. Sitze rum und lese. Es hört nicht auf. Es wird mir kalt. ich missbrauche die leichte Alumatte als Umhang. Gehe im Kreis. Linksrum, rechtsrum. Nach einer Stunde habe ich die Nase voll. Packe den Schirm aus, gehe unter die Straßenbrücke und will zurück nach Jerichow trampen. Zurück ins warme Pilgerzimmer. Dann entschließe ich mich weiter bis nach Schönhausen, dem Geburtshaus des Namensgebers des Bismarckherings, zu gehen. Da esse ich einen Dönerteller zum Frühstück, sehe mir das kleine Museum im Restgebäude des von Ulbricht gesprengten Adelssitzes derer von Bismarck an. Hier also wurde der Reichsgründer und Eiserne Kanzler geboren. Zu seinen Ehren wird wohl die kleine Bahnstation offen gehalten. Der Zug bringt mich trockenen Fußes durch den Regen zurück nach Berlin. Noch drei Etappen bis Wittenberge.

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Der Weg nach Jerichow

Der Weg nach Jerichow 

Der Weg war nicht das Ziel I

Der Weg nach Jerichow

Luftlinie 3,5 km, Straße 4 km, Offbeat 8 km und noch immer nicht da. Der Damm schwenkt scharf nach links. Die Türme von Jerichow stehen Leuchttürmen gleich gerade aus und locken wie die mythologischen Sirenen, komm zu uns, mach keinen Umweg, wir warten schon so lange auf dich. Lauf, lauf – in dein Verderben. Ich hätte gewarnt sein können.

Der Weg war nicht das Ziel II

Der Weg der Dämme des Menschen sind nicht immer verlockend, aber meist zuverlässig. Ich habe mich für das Verderben entschieden. Der Weg garniert mit springenden Rehen, lärmenden Wildgänse, die mich höhnisch verspotten, oder fürsorglich und lautstark von meinem verhängnisvollen Weg abbringen wollen. Mal rechts, mal links weiche ich wasserführenden Untiefen aus, schlage hie und da einen Bogen, steige auf einen verrosteten Hochsitz, um einen Pfad zu erspähen, entdecke Disteln, Spitzwegerich, scharfes Gras, Schilfrohr und mir vollkommen unbekanntes Grünzeug. 

Der Weg war nicht das Ziel III

Folge Traktorspuren und Wildwechseln. Immer wieder stellt sich mir ein breiter Wassergraben entgegen, bis ich mit dem Rücken nach Jerichow beinahe wieder am Ausgangspunkt ankomme. Nach einer sehr langen Zeit. Ich stehe unter einem alten Laubbaum, der mich vor Wind und Nieselregen schützt, denke über Wege und Umwege nach, die einen, wenn schon nicht schneller zum Ziel, so doch durchaus zu neuen Einsichten bewegen können. Auf letztere warte ich. Aber vorher geht’s noch mit dem Kopf durch die Wand respektive durchs Schilf. 

Der Weg war nicht das Ziel IV

Ich will nicht zum Ausgangspunkt zurück. Nich jetzt und nicht ich. Soll ich Demut vor meinen Mitmenschen lernen und umkehren? Die Schuhe sind voll Wasser, die Hosen bis zur Hüfte nass. Soll das Leiden umsonst gewesen sein? Ich gehe weiter.

Ich wate durch brusthohes Schilfgras. Ich muss doch einen erstklassig definierten musculus cludaeus bekommen, so hoch wie ich die Beine heben muss. Schritt für Schritt. Ist das der Sinn dieser Übung? Ein schöner Arsch!
Ich weiß es jetzt. Vorläufig. Man tritt demütig zurück vor der kulturellen Leistung seiner Vorfahren und Mitmenschen, wie dem Bau von Deichen, und mit einem schöneren Arsch aus der wilden Natur in die Zivilisation. Bald. Noch stecke ich mitten drinn. Hüfthoch durchnässt. Ein Hochsitz. Er ist rum geschlossen. Welch schönes, geschütztes Plätzchen falls ich nicht mehr weiter komme. Wasser habe ich noch und genügend in der Flasche, Energie auch. Auf den Hüften. Sie könnte Gold wert sein. Hüftgold. Dann eine Autospur im Gras. 

Der Weg war nicht das Ziel V

Vor dem Hochsitz hat sie einen eleganten Kreisbogen geschlagen. Ein Könner, dieser Jäger und herzlichen Dank unbekannter Weise, dass du so pflichtbewusst deine Aufgabe wahr nimmst. Folge ich ihr, führt sie mich zurück in die Zivilisation. Und womöglich an meinen Ausgangspunkt. Nicht das Schlechteste, finde ich zu diesem Zeitpunkt. Meine Gedanken Wandern zurück zur Autobahnunterquerung bei Hohenwarthe. Vor meinem inneren Auge entsteht der längst vergangene Augenblick neu. Ich stehe unter der Brücke hoch über mir. Die Motorkutschen rauschen über mich weg auf den getrennten Fahrspuren der Autobahn auf einen fernen Punkt zu, der sich nur erahnen lässt. Wie die Beine einer Frau führen sie unerreichbar weit entfernt ins lockende Dunkel. Die wilde Natur macht mich nass und kalt. Aber auch sehnsuchtsvoll und poetisch. Das passt ja die Minnesängerhaarpracht auf meinem Haupte.
Der Weg war nicht das Ziel VI

Aus der Spur im Gras wird ein Feldweg, aus dem Weg eine kleine Straße und die führt mich durch das kleine Dörfchen Klietznick nach Jerichow. Es waren genau 27.104 Schritte für 20,05 Kilometer bei einem Kalorienverbrauch von 1114 Einheiten.

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Derben

Pilz am Stamme eines verrotteten BaumesDerben

Eine schöne Strecke von Blumenthal nach Derben. Man kann seltsame Baumpilze bewundern, an denen der Radfahrer vorüber fährt. Der Mensch ist nur da Mensch wo er zu Fuß geht, das ist die kleine Philospie des Wanderns.

Pilz am Stamm eines verrotenden BaumesDie große Philosophie, die des Ursprung des Seins, der Welt, des Universums, die kann beim Gehen erstklassig und ohne Risiko einer Verletzung durch Unaufmerksamkeit, durch das Oberstübchen wandern.- Linksrum, Rechtsrum, quer durch, rückwärts, vorwärts und es kommt immer etwas spannendes dabei heraus. Nicht ganz so unverständlich wie Kants Kritik der reinen Vernunft, aber doch ganz schön geheimnisvoll.Pilz am Stamm eines verrottenden Baumes

Nichts ist schwarz oder weiß.
Die Aufgabe von Schwarz
Ist es, schwarz zu sein.
Tritt irgendwo ein weißer
Punkt auf,
stürzt alles Schwarz
auf diesen Punkt
und explodiert zu grau.
Die Aufgabe von Weiß
ist es, weiß zu sein.
Tritt irgendwo ein schwarzer
Punkt auf,
stürzt alles Weiß
auf diesen Punkt
und explodiert zu grau.
Die Aufgabe von grau
ist es, alle Farben
in sich zu vereinigen.

Kirche Zerben

Wenn man dann abends ein schönes Plätzchen mit einer freundlichen Gastgeberin findet, ist der Tag im Sinne von Carpe Diem vollbracht.

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NABU Blumenthal

NABU BlumrnthalNABU Blumenthal

Trockene Füße, nasse Füße, trockene Füße … Das war im wesentlichen der Tag. In Schorlau fand ich in einer Kirche Zuflucht, nachdem ich auf dem Spielplatz Socken und Schuhe von der Sonne trocknen ließ. Dann kroch ich unter die Plane eines Anhängers, bis der anderweitig gebraucht wurde. Auch eine Eiche hielt das Wasser von mir ab. Jetzt sitze ich beim NaBu in Blumenthal, warte auf das zweite Formschnitzel mit Brot und Ei und hoffe auf eine heiße Dusche und ein trockenes Zimmer. Und vielleicht etwas Süßes. Ich frag mal: “Haben Sie vielleicht etwas Süßes?” Es gibt frischen Apfelkuchen mit Kaffee. Schon wieder fühle ich mich im Paradies.
NABU Blumenthal, ZiegenNABU – Erlebniswelt und Blumenthal (http://www.nabu-blumenthal.de/): Streuobstwiesen, Wald, Schafe, Ziegen, ein Lama, Meerschweinchen, Hängebauchschweine, geschützte Biotope, Heil- und Gewürzkräuter, traditioneller Bauerngarten und jede Menge Bildungsangebote. Platz zum Übernachten gibt es auch.
NABU Blumenthal, WegDas NABU-Zentrum in Blumenthal, ein Hort der Natur, ein Raum für Werden und Vergehen, war für mich eine Atempause der Ruhe. Einziger Gast, weit weg von Mensch und Zivilisationslärm. Auch hier, die DDR, vorbei aber noch nicht vergangen. Menschen am Ende des Rückzug und am Beginn eines Aufbruchs. Immer noch Wut über das Ende des Alten, Zufriedenheit über das trotzdem geschafft, genug Ruhe, aus der neue Kraft erwächst. Ist genug Kollektiv geblieben, genügend Individualität gewachsen, um Deutschland auf den Weg zu bringen?
NABU Blumenthal, Insektenhotel

Insektenhotel

Die Sachsen – Anhaltiner scheinen mir ein sicherheitsbedürftiges verschlossenes Völkchen zu sein. Was aber nicht auf die jüngste Generation zutrifft. Die Kleinen rufen dem Wanderer gerne mal ein freundliches Hallo über die Straße zu. Was sehr erfreut.

Je langsamer man über den Damm griecht, desto mehr tiefwachsende Natur entdeckt man. Vor allem, wenn der Kopf hängt. Und je weiter man sich von den ausgetretenen Pfaden entfernt, desto mehr scheues Wild bekommt man zu sehen. Aber bitte nie mit hängendem Kopf offbeat wandern. Die Natur kann somit ganz schön ärgerlich werden.
Noch ist es grau im Land der Geknechteten. Hie und da wachsen aber erste Pionierpflanzen dem Licht entgegen. Das Ehepaar Rust, das in “Unserem Paradies” müde Wanderer auch noch spät abends freundlich empfängt; Die Wirtin des … Die eine kleine Herberge führt, mit einem guten Frühstück, das einen für den ganzen Tag mit Kalorien versorgt, so man es denn aufessen kann; der NABU, der nach einem Telefonat herbei eilt und die Tür öffnet.

 

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Hohenwarthe

 

Clown auf Rinde bei Magdeburg

Hohenwarthe

Langsam lasse ich, der Elbe flussab folgend, Magdeburg hinter mir. Das Ende der DDR zweigt sich immer noch in zerfallenden Industrie- und Hafengebäude. Eine Forschungseinrichtung hat ein Zukunftsinstitut in einem alten Fabrikgebäude angesiedelt. Das Gebäude ist ansehnlich restauriert. Ein kleines Restaurant hat sich angesiedelt. Im Hafen liegen restaurierte Schiffe. Der Radweg führt hier vorbei. Ein schönes Gelände. Ich bin froh, mich nach einem kleinen Irrweg hier ausruhen zu können. Mein Weg führt über eine moderne Brücke auf die rechtselbische Seite in eine schönen Park am Elbeufer. Eine Pause im noblen tausend Sterne Hotel Herrenkrug. Eine Apfelschorle für schlappe sechs Euro. Die hin und wieder urige Natur heitert den gebeutelten Geldbeutelträger wieder auf. Ein Baum, dem spaßige Vögel ein passendes Clownsgesicht auf die Rinde gemalt haben, Hagebuttensträucher, deren rotglänzende Früchte ein Jucken den Rücken hinab wandern lässt, eine Jahrhunderte alte Eiche, deren mächtige Gestalt verstehen lässt, warum die Germanen in ihnen den Sitz der Götter sahen.
"Heilige Eiche" der Germanen im Park bei Magdeburg

"Heilige Eiche" der Germanen im Park bei Magdeburg

Biege zum alte Dorf Lostau ein. Es fühlt sich verschlossen und feindlich an. Wenige Häuser. Alle von Mauern und verschlossenen Tore umgeben. Sie gewähren keinen Einblick. Landgasthof Lostau, kein Einzelzimmer mehr und ein Doppelzimmer wird nicht als Einzelzimmer vermietet. Schade. So ein schöner Tag. Ein gutes Abendessen später mache ich mich auf die Suche nach einem Bett. Wotan kündigt mich laut bellend an. Aber auch sein Herrchen, hat kein Zimmer frei, aber einen Tipp. Im alten Dorf gäbe es noch eine Möglichkeit. Die Anzahl an klärenden Hunden ist enorm. Und Kremserkutschen sind auch unterwegs. Ein lauer Sommerabend. Die nächsten Privatzimmer sind voller Monteure und die Vermieterin voll Mitleid. Was um Gottes Willen wollen die hier montieren? Oder ist das eine Betriebsversammlung im Grünen. Schöne Gegend ist es ja. Vor allem die Holzschitzerei macht wieder gute Laune.Holzfigur bei Lostau
Muss mich nochmal aufraffen. Nach Hohenwarthe, da wo der Mittellandkanal in einer Trogbrücke die Elbe überquert. A pro po kreuzen und queren. Habe in Lostau den Telegraphenweg von Berlin nach Koblenz gekreuzt. Über den Telegraphen hat der preußische König seine Anordnungen in seine westlichen Besitzungen übermitteln lassen. Schleiche den Radweg lang. Die Sonne geht unter, lässt sich und mir aber noch Zeit, die Trogbrücke zu bestaunen und in “Unserem Paradies” anzukommen. Müde, kaputt, die Beine schmerzen.Trogbrücke bei Hohenrath Herr Rust nimmt mich nett in Empfang, voller Mitgefühl für einen Wanderer unter all den Radfahrern. Meine Schlafstatt ist ein kleiner Raum in einer Holzhütte. Setzte mich zu Herr Rust und Mönch Arno an den Tisch mit Blick auf die langsam dahin fließende Elbe. Eine gute Atmosphäre fürs Politisieren und Philosophieren. Herrschaft, Enttäuschung, Betrug, Verschwörung, Papst, Liebe, alles kommt vor. Gott und die Welt eben und der Blick in das Herz eines Wendeverlierers, der mit seiner klugen Frau zusammen ein menschenfreundliches Plätzchen für sich und seine Gäste geschaffen hat. Eben ein kleines Paradies. morgens Frühstück und am Ufer der Elbe noch ein Gespräch mit Mönch Anno. Er fährt Rad, ist aber sonst ganz nett. Ein bisschen weit für den ersten Tag war ich unterwegs. Ungewollt. Das ist neu. Und ein schöner Aufenthalt. Das ist gut.Elbe im Abendlicht
Eine dunkle Wolkenwand kommt von Westen auf mich zu. Zwischen ihr und mir liegt nur die Elbe. Kein Hinternis. Mit den erste Tropfen breche ich auf. Freundlich verabschiedet von einem Wende-gebrochenen Mann und einer energetischen Frau. Das “unser Paradies” ist das Palsam auf ihre geschundenen Seelen. Die Elbe entlang. In der Aue grasen Schafe. Drei Rehe bringen sich vorsichtshalber im Unterholz in Sicherheit. Ein Biber hat eine beeindrunkend große Pappel umgelegt.
Warum wird deutsche Ingenieurskunst für Betrug missbraucht? Haben wir nichts aus der Atombombentechnik und der Krematoriumstechnik in Auschwitz gelernt. Warum lassen sich deutsche Ingenieure so leicht missbrauchen?  Warum gibt es keine Wisleblower? Was deutsche Ingenieurskunst im Guten kann, lässt sich an der Trogbrücke bestaunen, durch die das Wasser des Mittellandkanales über die Elbe fließt. Warum nicht mehr davon. Warum kein Kanal oder Tunnel von Hamburg bis Basel, von A nach B sozusagen. So ließe sich der Rhein renaturieren und große Frachtcontainer günstig und umweltschonend transportieren. Weil Arschlöcher in Kapital, Wirtschaft, Industrie und Politik auf Verbrennungsmotoren setzen. Auf die Vergangenheit. Deutsche Ingenieure! Nutzt euer Können für die Zukunft. Verlasst die Dinosaurier und engagiert euch für neue Techniken und alte Tugenden. Gehorsam gehört nicht dazu.Autobahnbrücke über die Elbe
Warum entwickeln die Amis die Hyperloop-Technik, verbinden die Chinesen ihre Millionenstädte mit Schnellbahnen und Europa baut immer noch Autobahnen und Lastwagen. Ich nenne das intellektuellen Bankrott und multiples Elitenversagen. Jagen wir sie in die Wüste, auf dass sie wieder zu Verstand kommen, unsere Eliten. Das ist auch das Material, aus der Wut gemacht wird. Wut ist gut. Sie entspringt aus der Verletzung des Gerechtigkeitsempfindens. In ihr steckt die Kraft des Göttlichen. Wird aus ihr Hass oder Liebe?
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Von Magdeburg bis Wittenberge

Magdeburg

Hauptbahnhof Magdeburg. Eine Gruppe Menschen steht vor einem Haus. Ein Schulungsgebäude denke ich. Bunte Truppe, aber eher in Büro- und Verwaltungstätigkeit unterwegs. Ein Kostüm an einer Frau. Grau-weiß.
Warum finde ich bloß Ladies in Dress so sexy? Meine erste große Liebe hieß Lina, Schwester Lina. Groß, sehr groß, die Haare zum Dutt arangiert und immer akkurat gekleider. Schwarzer Rock, schwarze Bluse und ein keckes Häubchen auf dem Kopf. Zugewandt und streng zugleich. Anbetungswürdig wie sie, manchmal im Kommandoton, eine ganze Herde wilder Nord-Nordschwarzwälder Hillbillies im Griff hatte. Meine Kindergärtnerin. Meine Hingabe musste sie nur mir meiner Großmutter, ähnlich gewandet, gleiche Figur, aber mit viel mehr Zeit für mich, Anna teilen. Das ist das Geheimnis. Zwei Frauen um deren Gunst ich, mehr oder weniger, buhlen durfte. Welch ein Paradies für den kleinen Werner.
Die Schwimmerin, Magdeburg

Die Schwimmerin, Magdeburg

Auf dem Weg einen kleinen Park in der Altstadt komme ich an Skulpturen vorbei. Und wo mein Hirn gerade mit Sex beschaftigt war, bleibe ich vor einer masiven Bronzefigur mit dem Titel die Schwimmerin stehe. Packe ihr meinen Rucksack auf den Rücken und nenne sie “Die Wanderin”. Träume! An der Körperhalten muss vor der Umbenennung noch gearbeitet werden. Kurz vor der Elbe ragt die Johanniskirche mit ihren beiden unterschiedlichen Türmen in den Himmel. Luther blickt als Denkmal von einem, für einen Menschen bedenklich hohen Sockel, auf mich herab. Dann denke ich mal. Er hat dem Papst den Marsch geblasen und dem Christenmenschen seine Freiheit gegeben, Mönche und Nonnen befreit einen Wettkampf der christlichen Religionen angezettelt und er war der Erste katholische Feminist und damit ein fortschrittlicher Protestant: Er förderte die Schulbildung für Mädchen. Damit hat er mehr für die Aufklärung getan als die meisten Philosophen. Dem Rest dieser Persönlichkeit kann man an anderer Stelle auf die Schliche kommen kommen, vor allem seinen arschlöchigen Seiten. Die Kirche ist heute ein religiöser und säkularer Veranstaltungsort. Im Keller gibt es eine kleine Ausstellung über Luthers wirken in Magdeburg und die Reformation. In einer Ecke liegen zwei entschärfte Weltkrieg II Bomben. Welch ein Bild. Luther als Sprengstoff, der er zweifelsohne war. Ohne ihn kein modernes Europa und keine moderne Frau. Über Luthers Wirken schreibt die Website sehenswuerdigkeiten-magdeburg.de in aller Einfachheit: “Nach dem Martin Luther am 26. Juni 1524 in der Johanniskirche predigte, wurde Magdeburg protestantisch”.
Martin Luther, Johanniskirche Magdeburg
Bombe
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Wanderer – Riesa bis Torgau

 

Wanderer - Riesa bis Torgau (Spätveröffentlichung)
 

Torgau bis Berlin

Stümmler ist schuld. Immer hat er immer mitten in den Ferien Geburtstag. Wie kann er nur. Und jetzt wird er auch noch 60 Jahre jung. Da kann ich meine Wanderung nicht fortsetzen. Wahrscheinlich. In den drei Wochen davor jedenfalls nicht. Wäre zu knapp, um von Ankara nach Adana zu wandern. Gut, dann wandere ich eben von Riesa nach Torgau, das letzte Zwischenstück zwischen Berlin – Wittenberg – Usti nad Labem. Wenn´s fertig ist, wird die Strecke über Prag nach Linz/Donau führen. Für die nächsten Jahre brauche ich Strecken, die an einem Wochenende zu bewältigen sind. So eine Überlastung wie in diesem Schuljahr, möchte ich nicht nochmal durchmachen. Ein Maß an Stress durch die Vorbereitung des Sommerfestes der FOS, der den Ausbruch einer Erkältung bis eine Stunde nach Ende desselben unterdrückte, mit Zähneklappern, Muskelschmerzen und Durchschwitzen von etlichen Laken, will ich nicht nochmal unausblanciert erleben. Möglichst überhaupt nicht mehr. Also Hauptbahnhof – Leipzig Riesa und zu Fuß weiter.

Riesa – Mühlberg/Elbe
Pension Seeblick.

Gasthof zum Kronprinz: beginn östlicher Gastlichkeit: zartbitter -  korrekt, informiert und zurückhaltend. Mag das Ambiente. Steak vom Lamm mit Bohnenbündchen & Rosmarienkartoffeln zum Abendessen. In Lammjus und aus eigener Haltung für Knapp sechzehn Euro. Das Lamm aus eigener Haltung ist zu dem Preis eher untervergütet. Dieses vorzügliche Abendmahl gleicht einer kultivierten Oase im Treibsand kulinarischer Ödnis. Dazu ein Schwarzbier. Köstlich, Köstlich. Wie tief der Treibsand sein kann, stelle ich am Zigeunerschnitzel aus Formfleisch an Pommes und Paprika und … ja was war das andere nochmal?

Mühlberg/Elbe – Torgau
10:00 morgens. Ein Polizeiauto hält ein paar Schritte vor mir. Man fragt mich ausgibig aus. Übernachtungsbetrug und Zechprellerei. Ein Wanderer, alleine unterwegs im Wilden Osten? Verdächtig. Man bitte mich nachdrücklich einzsteigen und aufs Revier zu begleiten. Ich könne dann ja weiter wandern und hätte ein ganzes Stück gespart. Das Konzept des Pilgerns ist ihnen vollkommen fremd: Der Weg ist das Ziel. Würde mitkommen, wenn sie mich an diese Stelle zurück bringen. Naja, woll´n wir mal nicht so sein, stimmen die beiden zu. Kurz vor Belgern und nach Rückfrage auf dem Revier ist war klar – Ich bin es nicht: Größe stimmt. Gab sich als Berliner aus. Keine grauen Haare, Rucksack falsche Farbe, falsche Marke. Aber man könne mich ja nach dem Zimmerschlüssel durchsuchen. Allerdings sei da die rechtliche Grundlage alles andere als klar. Jünger. Und mit Fahrrad unterwegs. Als Wanderer ist man halt doch Exot und schon deshalb verdächtig. War leicht angepisst. Aber das Mantra eines Freundes entspannt innerlich: Ich lebe in ruhiger, fröhlicher Gelassenheit. Selbst wenn man früher immer Schuld war – jenseits der Tatsachen, muss man sich heute nicht mehr wegen sowas aufregen, nehme ich mir vor.
Ich war ziemlich verstockt und wenig geneigt, auf den Smaltalk einzugehen. Das letzte mal, dass ich polizeilich überprüft wurde, war kurz vor Ankara. Und da wurde ich am Ende bestaunt wie das 8. Weltwunder, mit dem Angebot, mich zur nächsten Stadt zu fahren. Das setzt Maßstäbe.
Belgern Eine Flasche Alt-Sumbarcher Dunkel aus der Privatbrauerei Gessner in Kombination mit einer französischen Zwiebelsuppe an der Seite der FAZ vertreiben die Verstimmung. Eine Pause für die leicht kadernden Muskeln in der Radler Klause am Belger Marktplatz mit seinem restaurierten Rathaus vis à vis, (Kronjuwelen) lassen mich die restlichen Kilometer bis Torgau mit großer Entspanntheit angehen. Vorfreude auf die Kneipe und die Rückkehr nach Berlin geben versprengten Verstimmungsresten den Rest.

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Wanderer: Dessau – Magdeburg

6:51 Uhr: Abfahrt Berlin Hauptbahnhof.
Nach einem harten Jahr, ein harter Monat und zum Schluss noch eine harte Woche. Was will der Mensch um die ganze Spannweite menschlichen Seins zu erleben. Denn jetzt beginnt das Sabbatjahr. Das dritte um genau zu sein. Indien, USA, Afrika, eine Reise mit dem Wohnmobil von Sizilien bis zum Nordkapp. Ein Monat spanisch Lernen in Spanien. Die Shule* am Kilimandscharo voran bringen. Die Wohnung umbauen. Und vier Monate Zeit um in den Tag zu leben, rumlungern, die Seele baumeln lassen.
Ein schönes Jahr liegt vor mir. Beginnen wir es mit einer Drei-Tage-Wanderung elbabwärts von Coswig bis Magdeburg. Mit kleinen Wanderungen zwischendurch fit und entspannt bleiben und nebenbei Hamburg an den KiliTrail anzuschließen. Die große Wanderung soll mich von Ankara nach Issos führen, nicht weit von der syrischen Grenze. Im Herbst vielleicht die halbe Strecke und dann mal sehen. Jetzt scheint es mir in Zentralanatolien zu heiß. Dann ist erstmal Schluss und die Fortsetzung erfolgt von Süden, vom Kilimandscharo aus.

Montag, 20. Juni 2015: Von Dessau nach Steckby
Es gelingt mir nicht. Die Bauhausstadt lädt geradezu ein, sie zu erkunden. Allein, ich muss los. Wandern lässt sich mit Flanieren nicht in Einklang bringen. Nicht bei mir. Oder noch nicht. Der Elberadweg führt durch Wald entlang einer Landstraße. Am Rande Dessau komme ich an einem kleinen Weinberghügel vorbei, der von einem Tempel gekrönt wird. Vier sehr körperliche als Pärchen angeordnete Statuen, könnten Krieg und Liebe symbolisieren. Biege, ganz in Gedanken, falsch ab und muss wieder umkehren. Das habe dann schon mal hinter mir. An einer Fähre setze ich mich zu einem älteren braungebrannten Mann. Wir kommen ins Gespräch. Rentner, mit weniger Rente als er gerne hätte. Vor der Abwicklung Ingenieure für Gasanalyse und Naturschützer. Jetzt mit Fahrrad und Feldstecher ein paar Kilometer flussauf, flussab unterwegs, die Vogel Welt beobachten. Die Verbitterung über den Untergang der DDR ist einer leichten Melancholie gewichen, die sich mit der Sehnsucht an dem verschwundenen Kollektiv mischt. Joggend mache ich mich auf, die Fähre zu erwischen. Ein Erschließungsweg durch den Auenwald bringt mich zum Gasthaus und Pension “Zum Biber”. Werfe meine müden Glieder aufs Bett. Mit einer kurzen Unterbrechung, die ich zum Lesen und Fernsehen nutze, schlafe ich wie ein Bieber (das Murmelte der Elbe, sozusagen).

Dienstag 21. Juli 2015: von Steckby nach Barby

Ein schöner Tag beginnt. Die Wirtin ist gut gelaunt und gesprächig. Die ersten Radwanderer sind grüßen fröhlich und entspannt. Noch. Meine Atmung synchronisiert sich mit den Schritten und finden ihr Gleichgewicht. Es fühlt sich wie ein Gleiten durch die Natur an. Schönheit, Ästhetik. Auch Industrielandschaften, Atompilze und Müllhalden können schön sein. Hässlich erscheinen sie nur im Kontext unseres Wissen von ihrer kulturellen Hässlichkeit. Stellen wir sie oder Abbildungen von ihnen in den Kontext einer ästhetischen Ausstellung, verlieren sie ihren Makel und erscheinen uns als dem alltäglichen enthobene Kunst. Ein Urwald in unseren Breitengraden erscheint dem Leitzordner unaufgeräumt und kaum auszuhalten hässlich. Mir erscheinen die Auenwälder mit den Windgeräuschen und Vogelgezwitscher schön. Anderen fehlt der Lärm der Kettensägen, oder – der rauchende Industrieschlot. Nehmen wir also Müll, verfremden und komponieren ihn, setzen ihn in den Kontext Weihnachten und feiern zusammen ein schönes Fest. Der Auen- wechselt in einen Kiefernwald, in dem es sich angenehm schattig und kühl gehen lässt. Einen Wolkenbruch überstehe ich mittagsschlafend in der Sitzhütte des Naturzentrum …by. Leichte Kopfschmerzen stellen sich ein. Wähle das Gasthaus “Grüner Anker” als Nachtplatz. Der Wirt ist Bulgare. Der Türke nebenan hat dicht gemacht und sucht für sein “Istanbul Grillhaus und Pizzeria” seit einiger Zeit einen Nachmieter. Überlebt der Grüne Anker aus alter Völkerfreundschaft? Zum Willkommen am Abendtisch reicht die Bedienung eine grünliche Flüssigkeit, von der sie nicht verraten darf, was drinnen ist. Schmeckt nach Anis und Alkohol. Die Bulgaren saufen auch gerne. Barby, Residenzstädtchen derer von und zu … Großes Schloss, große Kirche, kleines Rathaus. Ich liebe diese überschaubare Größe, bei der man noch das Bemühen um Schönheit erkennen kann.

Rekonstruiertes Steinzeitdorf am Wegesrand

Mittwoch 22. Juli 2015: von Barby nach Magdeburg
Das Frühstück ist reichhaltig. Gesättigt und gestriegelt verlasse ich Barby. Eine wenig befahrene Landstraße bringt mich nach Pömelte, ein kleines Dorf auf dem Weg nach Schönebeck. Neben einer schön restaurierten Kirche, unzweifelhaft der architektonische Mittelpunkt, liegt der Kindergarten, von dem ausgelassene Kinderstimmen die Luft mit Lebensfreude erfüllt. Heile Dorfwelt? Ja, im Großen und Ganzen schon. Eine kurze Zeitspanne, dann weint ein Mädchen und für diese ist sie nicht mehr heil. Kurz darauf wird freudig weiter gespielt. Die hoch flexiblen Schuhe, die ich am Fuß habe, sind ausgesprochen angenehm zum wandern. Allerdings führen sie auch zu Schmerzen, nicht durch Balsenbildung, sondern durch die neue Freiheit meiner Mittelfußknochen. Sie und die angechlossenen Muskeln müssen sich erst daran gewöhnen. Ein guter Kompromiss zwischen barem und gefangenem Fuß. Dergestalt leichtfüßig unterwegs, beginnt sich der Kopf um die größeren Probleme der Welt zu kümmern. Zumindest zu Griechenlandkriese hätte ich da eine Lösung.

Schluss mit raus – rein. Europa ist Europa. Es fällt uns schwer, einheitlich zu sein. Müssen wir auch nicht. Wer würde sich gerne von Schäuble im Kafenion bedienen lassen und von Varufakis einen Gebrauchtwagen kaufen. Der eine eher verkniffen preußisch, der andere eher halodriehaft.
Aber einen gemeinsamen Grund in den Finanzen brauchen wir. Deutsche sind keine Griechen und Griechen keine Deutschen. Wir können aber etwas griechischer werden. Sagen wir an 3 Tagen in der Woche. Und die Griechen etwas deutscher. Sagen wir auch an drei Tagen. Das wären dann die Europatage. Den Rest der Woche und nach Feierabend sind wir Griechen oder Deutsche und immer auch Europäer. Falls das noch nicht ganz reicht, arbeiten ein paar Deutsche in Griechenland und ein paar Griechen in Deutschland. Dann klappt’s. Versprochen. Zu phantastisch? Keinesfalls, die Bewegung geht in diese Richtung. Deutsche Effizienz in der Arbeitszeit, griechische Lässigkeit in der Freizeit. Vermischt sich  beides, ist niemandem gedient. Man muss länger arbeiten für das gleiche Sozialprodukt und hat weniger Freizeit. Das kann´s ja nicht sein. Schaue ich meine Schüler und Schülerinnen an, üben sie die Lässigkeit ausgesprochen fleißig. In Erstaunen versetzt mich immer wieder ihre Ernsthaftigkeit im Betriebspraktikum. Kein zu spät kommen, keine überflüssigen Diskussionen, höchstens Nachfragen, wenn etwas nicht verstanden. Er kennt den Unterschied, unserer aller Nachwuchs, und ist auf dem Weg in seine Zukunft. Mögen wir uns die Köpfe heiß diskutieren, sie leben das neue Europa. Ein Gläschen Schampus auf unsere Jugend. Mit diesem Gedanken erreiche ich den Magdeburger Hauptbahnhof am Willy-Brandt-Platz und steige in den IC nach Berlin.

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Ustí nad Labem – Praha

So schön kann eine Wanderung beginnen

 

Berlin – Ustí nad Labem

Den WochenRucksack gepackt. In ihn passt genügend, um im Sommer eine Woche unterwegs zu sein. Alles was man so braucht. Eine leichte zweite Klamottengarnitur zu Jeans und T-Shirt mit denen am Leib ich aufbrach, eine dünne Isomatte für den gelegentlichen Mittagsschlaf, Flip-Flops für die Dusche, Cremchen und Döschen für Schönheit und Gesundheit. Und die erforderliche Elektronik. Beim lokalen Händler Mezomix Zero gekauft für den Durst unterwegs, mit dem Bus M 85 zum Hauptbahnhof, die Bahnfahrkarte gelöst. Frühstück im Bahnhof, Genuss pur mit Latte Macchiato, Seranobaguette und Zuckerschnecke. Dazu trieb mich die Vorfreude reichlich frühzeitig ans Gleis. Dann saß ich im EuroCity nach Villach und reiste mit angemessener Geschwindigkeit nach Ustí nad Labem (Elbe). Ein Schlumberger Sparkling Sekt versetzte mich in meditative Stimmung und ich begann in Patrick Leigh Fermors Reisebuch zu lesen. Willi Stotzka, ein Kollege, hatte es mir geliehen und sehr empfohlen. Aber vor lauter Schreib- und Denklust kam ich kaum zum Lesen. Ständig tippte ich neue Gedanken ins Handy, das inzwischen mein Notizbuch ersetzt hat.

Durchs Elbsandsteingebirge wurde der angenehm leere Restaurantwagen zum Panoramawaggon, wie mann sie von der Schweizer Gletscherbahn kennt. Vor allem die Felsenburg bei Rathen gelangte auf unzählige Speicherchips, von denen sie, sind die Reisenden erst wieder zuhause, ausgelesen und als Großbild bewundert werden sollen. Die wabernden Nebelschleier ließen die Felshänge und seltsam geformten Formationen aus blassem Sandstein leicht als mythischen Ort erscheinen. Etwas später setzte leichter Nieselregen ein, der dem Rest des Tages immer mal wieder die Ehre gab. Auch in Bad Schandau kam ich zum Schmökern, wo ich – sparsamkeitsgezwungenermaßen – eine Stunde Aufenthalt einlegen musste, weil die Nachlösekarte allein bis zu Grenze beinahe soviel kosten sollte, wie die ganze Reise von Berlin. Am Fahrkartenautomaten kam ich dann wesentlich günstiger davon. Es kostete allerdings eine Stunde meiner Lebenszeit. Für einen Schwaben eher verkraftbar, spart er doch lieber am Geld als am Leben. Der Regionalzug kam nicht, also stieg ich etwas später in den EC nach Budapest-Kelti, der mich schon früher zu meinen Aufbruchspunkten brachte. Ein beinahe heimeliges Gefühl beschlich mich. Die jungen Reisenden, die den Zug zu hunderten bevölkerten, hatten es sich auf den Sitzplätzen, den Gängen und den Übergängen gemütlich gemacht, wie man es sich in diesem Alter heutzutage wohl in einer Studentenbude gemütlich macht. Badelatschen, nackter Oberkörper – nur die Jungs – lautstarker Handyverkehr – auch mit offenbar weit entfernten Partnern – essen, trinken, lesen, schlafen und ausdünsten. Sehr ansprechend der Nachwuchs, so international und friedlich und doch verließ ich den Zug aufatmend in Ustí nad Labem. Die jungen Reisenden ertrugen stoisch ihre Existenz.

Beginn der Wanderung: Vor dem Bahnhof von Usti

Ustí nad Labem – Litomerice


In Usti hatte ich vor Jahren den Wanderweg von Berlin an die Donau, in dem immer noch riesige Lücken klaffen, unterbrochen. Kyra, meine älteste Patentochter hatte von Dresden aus begleitet, unterbrochen. Inzwischen ist er von Berlin über Wittenberg bis hier abgeschlossen (später soll noch ein direkterer Weg von Berlin nach Dresden in mein WanderWegNetz hinzu kommen). Später, irgendwann. Jetzt war ich am Bahnhof und immer noch wurde gebaut. In ganz Tschechien wird an allen Ecken und Enden aufgebaut. Sowohl privat als auch öffentlich. Daneben verwittert und zerbröselt Altes. Immer noch und auch noch eine ganze Weile. Und das nicht nur materiell, sondern auch emotional und intelektuell. Nur ist dies nicht auf den ersten Blick offensichtlich. Mir fehlt die Sprache, um zu fragen, aber vereinzelte Artikel in deutschen Medien lassen es erahnen. Der Radweg entlang der Elbe brachte mich voran. Bisweilen verläuft er nahezu auf Augenhöhe mit dem Wasserspiegel, dann wieder schwingt er sich den unter den Bahngleisen durch, einige Meter die Talwand hoch. Bei einer solchen Gelegenheit, nicht all zu weit von Ustí entfernt, kehrte ich von Hunger und Durst gequält ein. Trotz warten und beobachten, um herauszufinden, wie man etwas bestellen konnte, kam ich zu nichts. Ein, zwei Kilometer weiter lockte ein leckeres Steak auf einer Hinweistafel in ein Camplokal am Wegesrand.  Fünfhundert Meter weiter an einem Imbissstand blickte ich verzweifelt auf ein Stück Fleisch, eine kalte Folienkartoffel und, wesentlich erfreuter, auf einen Krug Bier. Die Bedienung war freundlich, das Bier schmeckte gut und ließ mich entspannt auf die nächsten zwei, drei Wegstunden blicken.

Das Bier erhellt die nächsten zwei, drei Wegstunden

Ich nutzte diese Zeit, um Gedanken über Europa nachzuhängen.
Die Europäer werden nicht zusammenfinden, weil sie sich so lieb haben, sondern weil ihre Umwelt sie dazu nötigen wird.
Die Völker sind sehr schwankend. Erhofft man sich von der EU etwas – Geld, Sicherheit,  Unterstützung – will man dabei sein, soll es etwas kosten, eher nicht. So ist es, solange man nicht existentiell bedroht scheint. Wie jetzt der Einfall der Russen auf der Krim und deren Annektion durch deren Parlament. In Russland heißt es jetzt ”go West” im Sinne von “von den Amis lernen heißt siegen lernen”. Russland nach der Oktoberrevolution als Sowjetunion gestartet um dem Kapitalismus eine humanere Gesellschaft entgegen zu stellen, verkommen zu einer imperialen und defizitären Diktatur, die letztendlich dem Westen unterlag. Mit dem Ende des Kommunismus zerbröckelte auch das Imperium und Russland suchte Anschluss an den Westen. Aber Putins Angebot einer europäischen Gemeinschaft von Lissabon bis Wladiwostok wurde von der EU schlicht ignoriert. Stattdessen liebäugelte man mit dem Aufbau eines Raketenschirms durch die Amis. Die Reaktion in Russland ist homophober Nationalismus mit einer hässlichen Fratze, der zynisch alles machtpolitisch schlechte der USA kopiert. Aber ohne demokratische Kontrolle und einer aufgeklärten Gesellschaft, die illiberale Auswüchse korrigieren könnte.
 

Oben angekommen, sieht die Abkürzung viel freundlicher aus.

An einer Stelle, an der die Elbe einen allzu großen Umweg macht, verlies ich sie um eine kleine Abkürzung zu nehmen. Was wie ein leichter Buckel aussah entpuppte sich als veritable Anstrengung. Manchmal sind sie zwar streckenmäßig kürzer, diese Abkürzungen, aber zeitlich länger und anstrengender. Mein innerer Sportlehrer meinte, immerhin hätte ich so etwas für meine allgemeine Kondition getan, was man ja vom Wandern alleine nicht sagen könne, bei meinem Tempo.

Jetzt sitze ich in der “Minipivovar Labut” (Minibrauerei Schwan) und habe ein semidark beer geordert. Was genau ich zu essen bestellt habe, wird sich offenbaren. Es wird etwas Kaltes sein, sagt die Bedienung. Auf dem Teller liegt dann etwas weißes rundes, mit einem Camembert vergleichbar, mit Paprikapulver und Zwiebeln belegt und in Öl badend und fettcremig im Biss, geschmacklich nicht zuordenbar, vielleicht eine Art Käse. Kulinarisch habe ich heute kein Glück. Das Bier aber schmeckt vorzüglich. Zuvor habe ich das Zentrum von Litowerice mehrmals umrundet, die Pensionen wären nur per Handyanruf zu öffnen gewesen, meines versagte aber Anschluss suchend kläglich. Das Hotel am Markt hatte kein Einzelzimmer. Es ist das Apollon geworden, ein praktisches Zimmer zum Übernachten, ohne jeglichen Flair. Auf dem Weg aus der Stadt kam ich einem netter aussehenden Plätzchen vorüber.

Litomerice – Roudnice nad Labem

Entlang der Elbe und an den niedrigen Talhängen stehen mal ordentlich aufgereiht, mal anarchisch gestreut, Datschen in allen Größen und Baustilen adrett herausgeputzt. Die Autofahrer sind zu loben, soweit man Klimazerstörer eben loben kann. Sie bremsen ab, wenn es erforderlich ist, setzten den Fahrtrichtungsanzeiger und umfahren den einsamen Wanderer in großem Abstand. Sehr zivilisiert. Die Straßen sind gut ausgebaut und an ihnen entlang findet sich kaum Müll, auch keine Flaschen (wäre eh nur blöd, weil kein Pfand). nur mit den Gehsteigen haben sie es nicht so, auch nicht in den Dörfern. Besonders misslich, wenn man ein Hinweisschild auf den Radweg verpasst. Das Wetter hat sich zu seinem und meinem Vorteil verändert. Sonnig und warm, mit der Tendenz der hitzemäßigen Übertreibung.

Identität:
“Wer bist du?”
In meinem ersten Leben war das einfach zu beantworten. Mit zwei Fragen.
“Wo kommsch här?”
“Vo Sprollahaus.
“Weam kersch?”
“Am Scheen.”


Heute würde ich die Frage anders beantworten: ich bin nordschwarzwälder Schwabe, der die meiste Zeit in Berlin gelebt hat und als solcher natürlich Deutscher, Europäer, Weltbürger, Teil des bekannten Universums und wenn es sein muss, auch noch darüber hinaus. Und meine voller  Namen lautet nun: Werner Schön von Sprollenhaus. Die Eigentumsfrage hat sich inzwischen geändert. Pause bei einem Bier, das die hübsche Lady hinter der Bar in einen eisgekühlten bauchigen Krug fließen lies. Fragte sie was Danke auf tschechisch hieße, wiederholte und vergaß es sofort wieder.  Ob dem Gedanken, dass Fremdsprachen wohl nie meine Freunde werden würden – abgesehen vom Hochdeutschen und mit Abstrichen, dem Englischen. Spanisch möchte ich noch gerne lernen und Suaheli. Zuhause liegen sechs oder sieben Spanischsprachkurse im Regal – alle so gut wie neu. Sprache am Schreibtisch lernen macht keinen Spass, außer man möchte ganz dringend jemanden beeindrucken, eine hübsche Holde vielleicht. Pantomime reicht da nicht sehr weit. Der Versuch, in Sevilla im Lande der Muttersprachler zu lernen, endete in hohen Ausgaben für Restaurants und Kneipen. Ich hatte bei der Anmeldung zum Sprachkurs angekreuzt “Lehrer und Anfänger” und endete in einem Kurs von Erwachsenen mit allen Muttersprachen außer deutsch. Fand ich gut. Man konnte nicht durch deutsche Zwischengespräche abgelenkt werden. Am Ende des Tages konnten die anderen schon sehr viel, ich praktisch nichts. Das führte bei mir und in der Nacht zu quälenden Gedanken und ernsthaften Sorgen über meine geistige Leistungsfähig. Am zweiten Tag, die Lehrerin musste meine Selbstzweifel erahnt haben, gab sich viel Mühe mit mir. Inzwischen hatten die anderen schon munter erzählt, wie und wo sie schon spanisch gesprochen hätten. Meine Selbstzweifel relativierten sich, waren doch alle schon einige Jahre auf irgend eine Art in der Sprache unterwegs. Nach dem dritten bot sie mir kostenlose Nachhilfe an. Ich aber wollte nur weg in einen anderen Kurs. Man steckt mich in einen Anfängerkurs für Jugendliche. Die waren genauso dumm wie ich und wir 30 Schüler lernten gleich wenig. Mein Selbstbewusstsein hatte aber noch zwei Wochen Zeit zu heilen. Da Bankkonto brauchte erheblich länger.

Das LabemCamp - die gequälten Muskeln können sich erholen

Gab ich mich den goldenen Gerstensaft hin. Das LabemCamp “Prodej Brambor” war erreicht, etwa die Hälfte der heutigen Etappe. Ein wunderbarer Platz zum rasten. Eine Mischung aus Biergarten, Zeltplatz und Bar. Sehr zu empfehlen. Auch die beiden lokalen Müttern mit Kindern am Nachbartisch hatten ihre Freude und süffelten ihre bunten Getränke aus riesigen Gläsern. Ich setzte mich in ein offenes Planenzelt – Schutz vor der heute brennenden Sonne – das sich hervorragend für das KindergartenShulzelt* am Kilimandscharo eignen würde. Transportabel, unkompliziert aufbaubar, stabil, robust und leicht. Der Blick fällt auf die Elbe, die in diesem Ausschnitt durch die windgekräuselte Oberfläche eher einem größeren Teich glich.. Nur das fest vertäute Motorboot irritierte in diesem Bild.
Ich hatte mich eben entschlossen, Salat mit Hühnchensteak und Backkartoffeln zu verspeisen und die Mittagspause mit einem Schläfchen im Schatten unter dem Kindertrampolin ausklingen zu lassen, als fünf Papas mit ihrer Brut radelnd in meine Vorstellungen einbrachen. Wie soll’s jetzt bloß weitergehen?
An den Nachbartisch setzen sich Oma und Opa mit Enkel. Opa, ein autoritärer Charakter Marke Erich Mielke, machte seinen Enkel nach Strich und Faden fertig. Anschauungsunterricht in schwarzer Pädagogik. Ich breche auf, in der Hoffnung später ein Plätzchen für mein müdes Haupt zu finden. Eine Brücke über die Elbe bringt mich nach Roudnice nad Labem und da nach einem unfreiwilligen kleinen Rundgang ins Hotelzimmer Koruna. Es ist 17:00 Uhr und ich habe für heute die Nase voll. Meine Beine schrien vor Schmerz, hatte ich doch mal wieder übertrieben. Jeder weiß, man soll die Etappenlänge langsam steigern, je nach Zustand des Bewegungsapparates. Mich aber treibt es sofort am ersten Tag los. Ich nehme mir jedes mal vor, vernünftig zu sein, angeblich sollen das ja selbst Schwaben in meinem Alter, aber es gelingt  nicht.

Praktisch! Vodka abgepackt in Portinonen - als Schmerzmittel?

 

Entmüden

Es passiert immer wieder, ich laufe los, übernehme mich, weil die unschuldigen Muskeln meiner Beine nicht entsprechend vorbereitet werden sie sauer. Zu Recht. Würde man mir so etwas zumuten, wäre ich es auch. Hilft aber nichts, am nächsten Tag soll es weiter gehen und das ohne Schmerzen. Die aber stellen sich routinemäßig ein, so man nichts während und sofort nach der muskulären Überlastung unternimmt.
Während: Von den Chinesen lernen und hin und wieder rückwärts gehen. Das entlastet und entspannt/dehnt die überlasteten Muskeln und macht sie wieder geschmeidig. Auch in die Hocke gehen hilft.
Danach: Sofort mehrmals in die Hocke gehen und Rumpfbeugen machen (Sinn siehe oben). Dann ein heißes Bad nehmen. Eine heiße Dusche hilft auch, wenn auch nicht so gut. Während einer länger andauerten Ausdauerleistung sammelt sich nämlich Milchsäure in den Muskelfasern, wird nicht mehr genügend durch den sich beruhigenden Blutkreislauf abtransportiert und greift die Fasern an. Durch die Erwärmung bleibt der Kreislauf in Schwung und transportiert die Milchsäure ab. Noch besser ist ein kurzes Eisbad um die bereits während der Leistung in Gang gesetzten Entzündungsprozesse zu stoppen und anschließendem Wärmebad. Den ebenfalls überlasteten Gelenken hilft das alles nichts. Die brauchen zur Erholung Zeit. Am besten ein, zwei Tage Pause, oder  eine verkürzte Etappe. Je nach Schmerzgrad.

Roudnice nad Labem – Kralupy nad Vitavou

Posted on 30. Juli 2014 by Werner
Kornfelder und irgenwo hat sich die Moldau versteckt

Ich wandere an großen Feldern mit Raps, Weizen, Mais, Hopfen und vereinzelt Sonnenblumen vorbei. In dorfnähe findet man Streuobstwiesen und Gemüsegärten. Durch die Weizenfelder bewegen sich mählich getümehafte Mähdrescher. Sie ernten die Strohhalme, die ihre kornschweren Ähren kopfüber hängen liesen. Von Treckern gezogene einachsigeTransportmulden, die den aus Rohren schießenden Strom goldener Weizenkörner zu am Straßenrand aufgereihten Kipplaster transportierten und dann von diesen schwerfällig ihrer Lagerung oder Verarbeitung entgegen geschleppt wurden. Später erreiche Nova Ves und das leuchtend hell gestrichenes Restaurant “U Sokola”. Mit der lebenslustigen fülligen (Rubens-) Bedienung stelle ich das Menu zusammen. Am Schnittpunkt zum Gast, also da wo Geld verdient werden kann, immer eine freundliche Blondine. Blond steht hier für guten Service, für Qualität. Ich meuchle vor mich hin, etwas beschämt darüber, die Nasen meiner Mitmenschen mit meinem Geruch zu belästigen. Jetzt noch einen abgerissenen Sack voller Pfandflaschen und der Penner wäre perfekt. Dabei habe ich heute morgen im Halbschlaf nur vergessen, das T-Shirt zu wechseln. Schweineschmalz drei Scheiben Brot Schnitzel mit Kartoffeln und Majonese wurden mir serviert. Schmeckte. Drei wohlbeleibte Herren Bier tranken Tour de France schauend ohne ein Wort zu wechseln ein Bier nach dem anderen, nur unterbrochen durch einen gelegentlichen Gang zur Toilette.

Geogrphie seltsam: Das Wasser der Moldau hat Höhlen aus dem weichen Sandstein gewaschen

Zurück auf dem Europaweg. Höhenzug. Schmaler Pfad, gut gekennzeichnet. Eichenwälder unterbrochen von Kiefernbäumen. Geologie seltsam. Schmaler Höhenzug obenauf abgeschliffenes Geröll mit Sand vermischt drunter weißer Sandstein und noch weiter unten Basalt. Am Ende des Waldes stand Eva in ihrer Erscheinung als Apfelbaum und reichte mir einen angenehmen säuerlich schmeckenden Apfel, sie grünhaarig und freigibig. Erster Blick auf die Moldau. Stunden später falle ich auf die Bank eines kleinen Biergartens. Romadur Nanuky – Stinkenudeln bietet der verwegen, kurze krumme Beine in einer knapp knielangen verschlissenen Hose, schwarzes T-Shirt mit kaum noch erkennbaren Motörheadaufdruck, struppige blonde Haare, dunkelblond wohl dem undefinierbaren Alter zuzuschreiben, aussehende Wirt auf seiner Speisekarte bei einem kurzen Halt in der Kneipe unter dem Burgschloss. Micha würde das gefallen haben, ich ziehe nach einem Gambrinus weiter. An der Moldau entlang erreiche ich Kralupy nad Vitavou, schleppe mich auf schmerzenden Beinen ins Hotelsport, einen Veranstaltungshotel aus vergangenen schlechteren Zeiten und lege für eine halbe Stunde die Beine hoch. Im Restaurant “Na Frantiśku”, das seine Eröffnung wohl bereits vor einigen Jahrhunderten gefeiert und dessen Einrichtung Generationen von Gästen erlebt hat ohne sich wesentlich zu verändern, lasse ich mich in direkter Nachbarschaft des vollbesetzten Stammtisches nieder. Kräftige Männer und Frauen sitzen lauthals das Leben genießend zusammen, jeweils gut über hundert Kilogramm auf meine imaginäre Waage bringend. Jene Waage, die mich zusammen mit einem Blick in den Spiegel, in regelmäßigen Abständen zu frugalen Eiweißdrinks greifen lässt. Diese Lokalität steht für sich, die jungen Bedienungen müssen sich nicht Blondieren lassen, der Laden ist eine Institution mit einer Autorität so spürbar, wie die des Papstes in der Kirche. Voll besetzt wie diese zu Heilig Abend. Das Essen, das kurze Zeit später, zusammen mit einem Orangensaft, vor mir steht, könnte ein Teil der Antwort auf die Leibesfülle aller über 30jährigen sein. Der andere, der ständige Nachschub an Bier. ich bin umgeben von einer angenehm klingenden Sprache, leider genauso schwer von der Schriftsprache in die Lautsprache umzusetzen. Ein melodisches “Dobry Den” bekomme ich inzwischen hin. Fand zurück ins Hotel und schlief.

Kralupy nad Vitavou – Prag

Posted on 30. Juli 2014 by Werner

Basaltschotter wie am Gipfel des Kilimandscharos zeigte sich an Stellen, an denen der Bewuchs in den Fluß abgerutscht ist. Englischgrüßende Radwandergruppe, die sich vom Radweg auf den Fernwanderweg verirrt hatte, kam mir auf dem schmalen Pfad der sich durch das Moldautal  mit Hügelzüge rechts und links zieht, entgegen. Hunger überkam mich, so dass ich den Weg verließ und einem Schild zu einem Hotelrestaurant folgte. Ein Koch und ein Kellner, die eben ihr Lokal öffneten, bedienten mich mit einem eher unschönen Gesichtsausdruck. Gesalzene Erdnuss,  ein Omelette mit Käse, eine Cola und ein Bier, das war mein Mittagessen. Ein Bier vor zwölf brachte mich zum sinnieren. Ich habe Glück, oder Pech, denn ich verfüge über eine genetisch bedingte Alkoholintoleranz, ähnlich vieler Asiaten. Wo immer das Gen herkommen mag, es zwingt mich dazu, die Welt schöner zu machen um glücklich zu sein. Schöner trinken kann ich sie mir ja nicht. Trank ich mir früher eine Frau schön, konnte ich sie anhimmeln, aber leider nicht beglücken. Das war nicht immer von Vorteil, blieb ich doch deshalb häufig ungevögelt. Heute blicke ich tiefer, auf die schöne Seele einer Frau. Alkoholintoleranz als Antrieb für Weltverschönerung! Ideen blitzen manchmal auf in diesem Kopf. Das hässliche Antlitz des Elends in allen Bereichen, Bildung, Lebensverhältnisse, Kunst, muss ich so verändern, dass es schön ist. Vielleicht kommt der Name Schön gar nicht von der unzweifelhaft schönen Gestalt, die meiner Familie zu eigen ist, sondern von eben diesem Bestreben. Blickte rasch wieder zum Fluss. Er windet sich in engen Schleifen Prag entgegen.

Mit einem kleinen Boot über die Moldau gesetzt, gesteuert von einem Mann in skurril anmutenden Matrosenoutfit. Dann kamen Autos, die ersten Stadthäuser, Menschen. Entlang einer breiten Straße durch über ein Neubautprojekt mit Tunnel geradewegs in den Hrad. Menschen von allen Erdteilen, aus tausenden Städten und Dörfern, fast alle Sprachen der Welt flossen zu einem Weltmurmeln zusammen. Treppenstufen runter und mitten hinein ins städtebauliche Herz Prags. Touristenmassen, einer aus Berlin, strömten durch die Gassen und Straßen, setzten sich in Cafés und Restaurants und ergossen sich auf Plätze. Nach vier Tagen über Land und kaum einem Wort gesprochen oder gehört, ist das etwas viel Mitmenschen. Ich fragte mich zum Bahnhof durch, stecke mir die Ohrstöpsel rein und lausche ruhiger Musik – leider nicht Smetanas “Die Moldau”. In Dresden macht mich der Schaffner des Schlafwagens, bei dem ich etwas zu Trinken kaufe, darauf aufmerksam, dass der Zug geteilt wird. In letzter Sekunde gelingt mir die Übersiedlung in den Berlin-Teil. Dann bin ich wieder in der Hauptstadt.

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